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Date Posted: Wednesday, 10.12.2008; 18:32
Author: exit
Subject: Teilzeit
In reply to: exit 's message, "Arbeitszeit" on Monday, 24.11.2008; 20:11

Nachteile von Teilzeit sind, dass man erstens weniger Lohn bekommt (etwas mehr, als es der kürzeren Arbeitszeit entspräche, da es einen Grundlohn gibt) und zweitens weniger Rente, wobei die Rente das zu überdenkende ist. Durch das Sitzen in der Werkstatt erwirbt man Rentenansprüche auf der Basis des Brutto-Durchschnittslohns aller Arbeitnehmer in Deutschland. Im Jahr 2007 lag diese Bemessungsgrundlage bei 1960 Euro. Das heißt, mein Rentenanspruch ist so wie der eines normalen Arbeitnehmers, der im gleichen Zeitraum 1960 Euro brutto im Monat verdient. Damit ist man relativ gutgestellt. Nach zwanzig Jahren Werkstatt kann man in Erwerbsunfähigkeitsrente gehen, oder mit einem Alter von (aktuell) 60 in Altersrente, wobei die Altersrente höher ist als die Erwerbsunfähigkeitsrente, und beides höher ist als Grundsicherung.

Wenn man bisher Grundsicherung bezogen hat, so ist man dann mit der Rente nicht mehr darauf angewiesen. Man hat in Rente mehr Geld zur Verfügung als vorher, als man gearbeitet hat. Eigentlich untypisch, bei normalen Arbeitnehmern ist es eher anders herum. Die Sozialdienstfrau hat dazu erklärt, dass es gewollt ist, dass die Behinderten im Alter selbständig leben können. Na toll, das lohnt sich dann ja voll, die letzten paar Jahre, wo man körperlich und psychisch was weiß ich wie kaputt ist. Diese mit Medikamenten vollgepumpten Fettsäcke aus der Werkstatt dürften eh eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung haben.

Der volle Rentenanspruch bei nicht voller Arbeitszeit bleibt erhalten, wenn man aus gesundheitlichen Gründen nicht länger arbeiten kann. Dies muss jährlich neu mit einem ärztlichen Attest nachgewiesen werden, bestehen Zweifel, kann noch öfter geprüft werden, bis zu vierteljährlich. (Ob man mit der Rente über die Grundsicherung kommt, wenn man halbtags arbeitet ohne Attest, konnte mir die Sozialdienstlerin nicht sagen.)

Um nicht möglicherweise Rentenansprüche zu verschenken, muss ich nun zu einem Arzt gehen und schauen, ob ich so ein Attest kriege, oder eben nicht. Mir ist das unangenehm, als Bittstellerin zum Arzt zu gehen und da was vorzujammern, um dann vielleicht eine harsche Abfuhr zu erhalten: Therapie machen! Medikamente fressen! Vollzeit arbeiten! Klappe halten! Wir wissen, was für dich gut ist. (Ich hab ja nicht den Eindruck, dass sie es wissen.)

Ich musste mich dazu nun außerdem bei einem neuen Psycho-Doc anmelden, nachdem mein bisheriger mich rausgeschmissen hat. Er hat mich eines Tages unvermittelt vor die Wahl gestellt, entweder einmal im Monat bei ihm anzutanzen, oder gar nicht mehr zu kommen. Ich hatte zuletzt seltener und unregelmäßig Termine bei ihm ausgemacht, vorzugsweise dann, wenn ich ein konkretes Anliegen hatte. Einfach nur so ein paar Minuten mit ihm zu quatschen, wie es zuvor oft bei den Terminen der Fall gewesen war, davon habe ich nichts. Ich verbringe meine Freizeit lieber woanders als beim Arzt. Außerdem ist das Verschwendung von Versichertengeldern.

Mich wundert sowieso, wie oft manch andere zum Arzt gehen. Ein Kollege in der Werkstatt geht ziellos, ohne konkretes Anliegen regelmäßig zum Nervenarzt. Er ist "stabil", nimmt weder Psychopharmaka, noch macht er da Therapie. Die Besuche beim Neuro sind ihm zur Gewohnheit geworden. Er würde sich einfach gut mit ihm verstehen, und der Arzt empfähle ihm öfter mal ein gutes Buch. Das ist ja schön, aber keine Berechtigung, die teure Arbeitszeit eines Arztes in Anspruch zu nehmen. Ich finde, das grenzt an Leistungsmissbrauch. Wer einfach nur quatschen will, kann das auch mit seiner Friseurin tun, sich Freunde suchen etc.


Ich finde das frech vom Arzt, mir diktieren zu wollen, wie oft ich zu erscheinen habe. Ich frage mich, ob das überhaupt erlaubt ist. Ich will was vom Arzt, oder eben nicht. Zudem hatte ich da keine Behandlung laufen, weder psychotherapeutisch noch medikamentös.

Mangelndes Vertrauensverhältnis hat er geltend gemacht. Das Vertrauensverhältnis verbessert sich ja enorm durch solcherlei Erpressung. - Es stimmt, dass das Verhältnis nicht besonders vertrauensvoll gewesen war, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Er hat seine Medikamente beworben, ich habe irgendwann festgestellt, dass die keine Wirkung haben, habe auch gelesen, dass Antidepressiva wegen ihrer schwachen Wirkung (kaum mehr als Placebo) und einer Reihe weiterer Aspekte zunehmend, und wie mir scheint begründet, in die Kritik geraten sind. Also habe ich die abgesetzt. Das hat ihm nicht gepasst.

Ich tue mir keine chemischen Substanzen rein, die maximal Placebo-Wirkung haben, sehr wohl aber Nebenwirkungen. Ich finde nicht, dass da Nutzen auf der einen und Kosten, Risiken, Nebenwirkungen auf der anderen Seite in einem akzeptablen Verhältnis stehen. Zumindest finde ich es erklärungsbedürftig, warum man solche Medikamente dennoch nehmen soll. Der Arzt wollte dazu nichts erklären, auf Einwände hat er kurz angebunden reagiert, für ihn waren die Medikamente einfach gut und Schluss. Weil ich keine Medikamente nehmen will, und momentan auch keine Therapie machen, hat er mir zuletzt Nihilismus vorgehalten.

Meinungsverschiedenheit gab es auch bezüglich Untersuchungen. Bei jedem Termin hat er eine "neurologische Kurzuntersuchung" gemacht (bei dem Arzt hat es sich um einen "Nervenarzt" gehandelt, das umfasst die Fachgebiete Neurologie und Psychiatrie, außerdem ist er zugelassener Psychotherapeut): Schuhe ausziehen, stehen, Füße geschlossen, Arme waagrecht nach vorne gestreckt, Handflächen nach oben, Augen zu - ob ich ein paar Sekunden so stehen kann. Auf einer Liege auf den Rücken legen, Beine geschlossen und gestreckt abheben für ein paar Sekunden, wieder ablegen - dann hat er an den Beinen entlanggeklopft und gefragt, ob ich noch alles spüre. Mit einer Lampe kurz ins Auge geschaut. Das war es in etwa.

Dann wollte er immer wieder EEGs machen, ein- oder zweimal im Jahr. Ich sehe dafür keinen Grund. Das EEG war bei mir nie auffällig, mein Gehirn ist soweit gesund. Ein Nicht-Depressiver lässt auch nicht ständig EEGs machen. (Ein Blutbild hat er hingegen nie gemacht oder empfohlen, auch nicht, als ich Antidepressiva genommen habe.)

Diese Untersuchungen sind zwar in keiner Weise schlimm, wurden von mir aber zunehmend als zwecklos und lästig empfunden. Auf Fragen nach deren Sinn hat er unwirsch reagiert und sich darauf zurückgezogen, dies gehöre zu seiner ärztlichen Sorgfaltspflicht, andernfalls würde er sich strafbar machen. Der Arzt macht sich ganz sicher nicht strafbar, wenn er Untersuchungen nicht durchführt, weil das der Patient nicht will. (Außer vielleicht, er hat den Patienten ungenügend aufgeklärt über Zweck und Bedeutung der Untersuchung.) Der will mich wohl für dumm verkaufen. Ich bin die Kundin. Ich bestimme, was ich untersucht haben will.

Als Grund für EEGs hat er zuletzt noch angeführt, dass sich mein Stottern verschlechtert hat (das ist so, seit kurz nachdem ich in der Werkstatt angefangen habe). Immer wieder EEGs machen wollte er ja aber auch schon davor, von Anfang an. Also war das mit dem Stottern wohl ebenfalls nur vorgeschoben. Ich nehme das dem Arzt übel, dass er nicht ehrlich ist.

Vermutlich geht es einfach nur um Geld. Hier noch eine kleine Untersuchung und da noch eine, da läppert sich auch was zusammen. Wenn er anders seine Praxis nicht finanzieren kann, so ist das nicht mein Problem. Ich halte mich nicht dafür her. Da versackt das Geld im Gesundheitswesen, während immer mehr Zuzahlungen und Sachen, die man komplett selber zahlen muss, Arme in Existenznot bringen. Irgendwas läuft da schief.


So eine Pfeife.
Naja, bin ich den Typen los. Ist vielleicht ganz gut.


Dabei war es mit ihm eine ganze Weile gegangen, nur beim letzten Termin (das war noch bevor ich in der Werkstatt angefangen habe) ist er renitent geworden und hat das Ultimatum gestellt. Ich bin dann nicht mehr hingegangen, war die ganze Werkstattzeit bis vor kurzem bei keinem Psycho-Doc mehr. Vor einigen Wochen bin ich (widerwillig) nochmal zu dem alten Nervenarzt, zusammen mit meiner Betreuerin. Das nur, um die Betreuerin davon zu überzeugen, dass mit dem Arzt nichts mehr geht. Sie war der Meinung, dass der Arzt mich schon länger kennt und es von daher sinnvoll wäre, bei ihm wegen dem Attest anzufragen.

Er hat den Rausschmiss nur nochmal bekräftigt und war ziemlich patzig. Ich weiß gar nicht so recht, warum, ich habe ihm nichts getan und war auch nicht unhöflich zu ihm gewesen. Ich finde, dass eher ich Grund habe, mich zu ärgern. Das mit meinen Teilzeitplänen und dem Attest anzusprechen dazu bin ich gar nicht gekommen. Wenigstens habe ich noch eine Überweisung bekommen.

Ich bin jetzt bei einer anderen Ärztin zu Gange, Psychiaterin. Ein Termin hat bereits stattgefunden. Gibt noch nichts besonderes zu berichten. Sie will erstmal die Klinikberichte lesen. Ich hoffe, dass sie dadurch nicht einen zu verqueren Eindruck von mir kriegt, erstens sind die Klinikberichte schon einige Jahre alt, zweitens neigen Therapeuten so wie ich das erlebt habe dazu, aus dürftigen Infos vorschnell irgendwelche Schlüsse zu ziehen. In der Tagesklinik habe ich bei meinem Doc zu schnelles, oberflächliches Vorgehen kritisiert. Er hat mir sogar recht gegeben und gesagt, dass er meine Kritik annehmen kann. Wenn er mir zB Fragen gestellt hat, hat er gleich das erste, was ich gesagt habe, aufgegriffen und das Thema nach dorthin verändert, obwohl ich mit meiner Antwort noch gar nicht fertig war und das wichtigste vielleicht noch gar nicht gesagt habe. Ärzte sind das wahrscheinlich gewohnt, schnell arbeiten zu müssen.

Es läuft jetzt aber wahrscheinlich eh darauf hinaus, dass ich ohne Attest halbtags arbeiten werde. Weil nämlich die Werkstatt das nicht unterstützt. Die Sozialdienstlerin hat gesagt, dass sie eine Verkürzung um eine Stunde befürworten würde. Also so wie ich das jetzt für den Berufsbildungsbereich habe. Ich würde danach weiterhin die gleiche, verkürzte Arbeitszeit haben. Ich will ja aber eine Verkürzung der jetzigen Arbeitszeit. Das würde der Chef wahrscheinlich nicht genehmigen, auch der Bezirk könnte Probleme machen und zB vierteljährliche Überprüfungen anordnen. Ich bin ja "jung und gesund", wie die Sozialdienstlerin gesagt hat. Naja, ganz so ist es nicht, und die anderen Teilzeitleute (mit Attest) hier sind auch noch nicht so alt. Aber das ist okay für mich, ich kann das akzeptieren. Ich habe selber Zweifel daran, ob mir sowas zusteht, und werde nun nicht versuchen, das auf biegen und brechen dennoch durchzukriegen. Wenn ich dann ständig zum Arzt rennen muss und Atteste bringen, ist das zudem auch wieder Stress und Zeitverlust, das, was ich nicht haben will.


Ich hoffe, mich hindert niemand - Werkstatt, Bezirk, Sozialamt, Betreuerin, Familie - daran, dann auch ohne Attest auf Teilzeit zu gehen.

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