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Date Posted: Sunday, 4.01.2009; 22:57
Author: exit
Subject: nochmal Mirko

Zum Mirko habe ich keinen richtigen Kontakt mehr, seit er die Werkstatt verlassen hat. Ab und zu hat er bei mir angerufen, und gefragt, ob wir uns treffen können. Zu ausgemachten Treffen ist er dann aber teils nicht erschienen. Ansonsten hat er am Telefon wenig konkretes gesagt, hat sich meist recht verpeilt angehört, die Telefonate wurden zum Teil abgebrochen, weil sein Guthaben Ende war. Mehrfach hat er zu Zeiten angerufen, bei denen er wissen müsste, dass ich in der Werkstatt bin. Einmal hat er unter der Woche kurz nach 11 Uhr nachts angerufen.

Es nervt mich eher, wenn er bei mir anruft. Abends nach der Werkstatt will ich mich ausruhen, und nicht mit Telefonanrufen aufgescheucht werden, bei denen nichts wichtiges mitgeteilt wird. Ich habe auch wenig Lust, mich mit ihm zu treffen und irgendwo in der Stadt herumzurennen. Keine Zeit für sowas.



Ich hatte noch einen kurzen Text über ihn aufgesetzt, jedoch nicht fertig gemacht und online gestellt, als das mit der Werkstatt bei ihm zu Ende war. (Das kleine Pensionszimmer, in dem er während der Werkstattzeit gehaust hat, hat er kurz darauf auch verloren, zum Monatsende Oktober 2007 musste er raus)

Ausschnitt:

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Aus der Pension muss er dieses Monatsende raus, neue Bleibe hat er auch noch nicht.

Er ist jetzt obdachlos. Das Pensionszimmer wurde ihm gekündigt wegen Ruhestörung. Er hat's aber auch darauf angelegt. Er hat oft die ganze Nacht Technoplatten abgespielt, das nicht gerade leise, der Hausmeister hat wiederholt an die Zimmertür geklopft und sich beschwert.

Er ist ein psychotischer Rohrkrepierer. Er kriegt weniger auf die Reihe, als ich gedacht hätte. Er hat schon oft Dinge angekündigt, die er dann nicht gemacht hat, oder angefangen und nicht weiterverfolgt. Bisschen schade um den Mann. Was soll aus ihm werden?

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Jetzt zwischen Weihnachten und Neujahr hat er mal wieder angerufen und gefragt, ob wir uns treffen können. Da gerade Betriebsurlaub ist und ich Zeit habe, habe ich zugesagt. Hauptbahnhof, Mittelhalle, er ist pünktlich erschienen. (Nachdem er zwei Stunden nach unserem Telefongespräch erneut angerufen hat, um nochmal nach der ausgemachten Uhrzeit zu fragen; Das erste Mal hat er nachmittags angerufen, das Treffen war am gleichen Tag abends)

Er hat eine Jeans angehabt, die etwas jogginghosenmäßig an ihm drangehangen ist, und eine dunkelblaue Sweatjacke mit heller verfärbten Stellen, darunter nochwas, vermutlich ein T-Shirt. Eine Jacke hatte er nicht (bei den Temperaturen hat so ziemlich jeder Mensch eine dicke Winterjacke an), eine Tasche auch nicht. Er hatte ein paar Sachen in den Hosentaschen, die dafür weit genug waren. Seine Haare waren relativ lang, hatten einen Schnitt nötig. Mir schien, dass die Knochen in seinem Gesicht stärker hervortraten. Wegen den langen Haaren, die sich unter seinem Käppi hervorlockten, hätte ich ihn fast nicht erkannt, erst, als er auf mich zugekommen ist und mich begrüßt hat. Ich meine aber, dass ich ihn schon vorher am Geländer an den Treppen stehen sehen habe, mein suchender Blick war jedoch über ihn gegangen, ohne ihn zu erkennen. Er war unrasiert, was bei ihm nicht so auffällt, da er von Natur aus wenig behaart ist, zudem blond. Er hat etwas verranzt gerochen. (Der Geruch, den nur Leute haben, bei denen massiv was im argen liegt.) Wir sind in ein Café gegangen. Da er kein Geld hatte, habe ich ihm einen Kaffee ausgegeben. Unterhalten konnte ich mich nicht gut mit ihm. Er redet zu wirr. Erzählt Bruchstücke aus irgendwelchen Situationen, die er erlebt hat, nennt Namen von Leuten, die ich nicht kenne. ZB hat er von einem Manfred geredet, ohne zu sagen, wer das ist. "Ist das dein Betreuer?", habe ich vermutet. - Ja. - Er gestikuliert viel beim Reden. Er hat desöfteren gemotzt, dass andere Leute ihn runterziehen würden, ihm nicht helfen.

Was er seit seinem Ausscheiden aus der Werkstatt gemacht hat und wie seine jetzige Lage ist, darüber konnte ich nichts genaues in Erfahrung bringen. Er scheint jedoch nichts mehr zustande gebracht zu haben. Einen Job scheint er nicht zu haben, wie er wohnt, weiß ich nicht. Irgendein Dach über dem Kopf hat er wohl schon. Bei unserem letzten Treffen (das war schon länger her, es war da auch kalt, muss letzten Winter gewesen sein) waren wir in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, deren voriger Bewohner vor kurzem ins Pflegeheim gekommen war. Wenig ansehlicher Altbau, Gaseinzelöfen, alte Fenster. Damals sagte er mir, dass noch nicht sicher sei, ob er die Wohnung behalten kann. Später hat er sich mal am Telefon beschwert, die hätten ihn nur hergenommen, damit er in der Wohnung aufräumt, weswegen ich vermute, dass es nichts geworden ist mit dieser Wohnung, weiß es aber nicht sicher.

Wir sind nach dem Café wieder zum Hauptbahnhof zurück, waren da noch eine Weile gesessen. Er hat zwei Mädchen (normal und gepflegt aussehende, mit Reisetaschen) nach einer Zigarette gefragt, die sie ihm zu meinem Erstaunen ohne weiteres gegeben haben, und vor der Tür geraucht.

Ich habe ihm noch ein Handy zurückgegeben, dass er mir gegeben hatte, als ich in dieser Altbauwohnung bei ihm gewesen war. Er hatte ein Einfach-Handy übrig gehabt, hat vorgeschlagen, dass ich das kriege, eine Prepaid-Karte dafür kaufe und wir uns dann untereinander besser erreichen können oder so. Ich habe es mir dann aber anders überlegt, hatte keine Lust, mich mit Handy-Tarifen zu beschäftigen und Geld auszugeben, außerdem will ich nicht, dass er mich ständig anruft. Zudem hatte er die Anleitung zu dem Gerät nicht mehr, er wollte mir die wichtigsten Funktionen so erklären. Ladekabel war auch nicht da, wollte er noch suchen. Nachdem das Mobiltelefon etliche Zeit bei mir rumgelegen war, habe ich es ihm wieder zurückgegeben.

Er hat sich nun nicht mehr an die Sache erinnert. Ich habe versucht zu erklären, was das mit dem Handy auf sich hat. Er schien es nicht recht zu verstehen. Warum ich ihm ein Handy schenke. "Das gehört dir." - Wie ich in seine Wohnung gekommen wäre, um es zu nehmen. "Wir waren bei dir in der Wohnung" - Achso, das war da rumgelegen und da hätte ich es wohl einfach mitgenommen. "Du hast es mir gegeben." - Kurze Zeit später hat er mich erneut ähnliches gefragt. Er wirkte fast etwas dement.

Dann noch die fast schon obligatorische Frage, ob ich ihm Geld leihen könne. Ich habe abgelehnt. Er hatte mir Geliehenes bisher zwar stets zurückbezahlt, aber ich muss mich dann wieder mit ihm treffen, irgendwo hinrennen, um mein Geld zurückzuerhalten. Dazu habe ich keine Lust. Ihm ist ja auch nicht wirklich geholfen damit, dass man ihm immer wieder Geld leiht.



Ich weiß nicht, warum er jetzt anscheinend nochmal abgestürzt ist. Er war ja schon in der Werkstatt einigermaßen abgedreht, chaotisch, hektisch, impulsiv, aber nicht so abgesackt wie jetzt. Damals hat er noch seine Haare gefärbt, witzige Geschichten erzählt etc. Sein Esprit und sein Charme sind weg. Er gefällt mir nicht mehr. Er ist nur noch irgendeine Pennergestalt.

Der kommt auf keinen grünen Zweig mehr. Sein Leben scheint gelaufen zu sein.

Menschen, die "nur" körperlich krank sind, sind wesentlich besser dran als Psychos. Wer nur körperlich eingeschränkt ist, kann noch so einiges steuern und bewegen. Wer psychisch nicht mehr funktioniert, stürzt gnadenlos ab. Psychische Krankheit zersetzt die innere Struktur eines Menschen.

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