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Date Posted: Thu, 26 Sep 2002, 10:04:30
Author: Lilly
Subject: Herzrasen - eine Geschichte

Durch die dunkle Herbstnacht rast ein einsames, trauriges, düsteres Herz. Licjter ziehen vorbei, wirken verzerrt und stumpf durch das zerkratzte, bunt besprayte Glas. Lautlos gleitet der Schnellzug durch die schlafende Landschaft.
Ihr Herz pocht wild in ihrer Brust, es schmerzt sie, das Pochen erweckt so viele Erinnerungen in ihr. Doch sie sitzt nur da und starrt vor sich hin, als nähme sie gar nichts um sie herum wahr, als wäre sie Teil einer anderen Welt.
Schmal ist sie-das letzte Jahr hat ihr nicht nur den Lebenshunger genommen, die Medikamente, die während diesem Jahr in sie hineingestopft worden waren, hatten ihr zusätzlich jeglichen Appetit nach Nahrung genommen.
Nun sitzt das junge Mädchen dort im Zug am Fenster auf dem roten Kunststoffsitz. Ihre gefalteten Hände liegen weich gebettet auf dem samtigen Stoff ihres schwarzen Rocks. Kerzengerade sitzt sie dort ganz alleine und lässt sich durch das Dunkel tragen. Doch das Dunkel um sie herum macht ihr keine Angst, sie fühlt sich geborgen in der Dunkelheit, denn in ihren schwarzen Kleidern fällt sie in der Diunkelheit kaum auf-sie ist fast ein Teil von ihr und das gibt ihr ein Gefühl von Sicherheit.
Das gleichmäßige Ruckeln des Zuges lässt ihr schwarzes Haar strähnenweise vor ihr helles, porzellanartiges Gesicht fallen. Doch sie schibt sie nicht beiseite, sie lässt es einfach geschehen, scheint es gar nicht zu bemerken. Ihr Augen, so grün, sind schwarz umrandet und starr geradeaus gerichtet. Sie blinzelt nicht. Nur ihre blutroten Lippen bewegen sich von Zeit zu Zeit, als wollte sie etwas sagen, könnte aber nicht die richtigen Wort finden.
Dann, ganz plötzlich kommt Leben in sie. Ihre mit zahlreichen Silberringen besetzten Finger beginnen in ihrer schwarzen Samttasche nach etwas zu suchen, bringen ein kleines, silbernes Medaillon zum Vorschein.
Sanft streicht sie darüber, ihre Finger arbeiten sich vorsichtig zum Rand vorwärts um es zu öffnen. Doch dann hält sie inne. Hasrig knöpft sie ihren langen, schwarzen Ledermantel zu, als würde sie frieren. Dabei zerreißt das helle Klingeln des kleinen Glöckchens, das sie neben eineigen anderen Keten um ihren schlanken Hals trägt, die Stille. Sie erschrickt-ängstlich wandert ihr Blick durch das menschenleere Abteil, sie drückt das Medaillon an ihr klopfendes Herz. Dann endlich öffnet sie es zögernd und kneift ihre lippen fest aufeinander, dass die Farbe aus ihnen entweicht:
Ihr Blick ruht auf einem ovalen, leicht abgegriffenen schwarz-weißen Bild.
Es zeigt einen jungen Mann, mit langen dunklen Haaren. Kaum älter als sie selber scheint er zu sein - höchstens 23 Jahre mag er alt sein. Seine dunklen Augen schauen ernst und traurig.
Ihr Kopf beginnt zu schmerzen, die Hände zittern unkontrolliert und ihr Herz klopft unrhytmisch und viel zu schnell. Schnell schließt sie das silberne Schmuckstück wieder, hängt es sich nun an der langen silbernen Kette um den Hals und schiebt es unter ihre Chiffonbluse direkt an ihr rasendes Herz.
versucht sie sich selbst zu beruhigen.
Es tut ihr weh-ihr Herz. Jeder Schlag schmerzt sie, schmerzt sie so sehr, weil seines nicht mehr schlägt. Immer waren sie sich so nah gewesen.
Doch der vor wenigen Stunden vergangene Herbsttag war der Tag seines Jahrgedächtnisses, ja, heute vor einem Jahr verließ er sie. Er ging mit nur 23 Jahren und ließ sie dieser Welt und ihren Fragen alleine ausgeliefert zurück. Sie waren so stark gewesen - zusammen, hatten dieser Gesellschaft, die sie nicht hatten verstehen können, gemeinsam getrotzt, hatten sich so viele schöne Stunden bereitet. Ja, sie hatten sich gegenseitig Mut gemacht, sich immer wieder neu gut zugesprochen, wenn der Andere sich aufzugeben drohte.
Doch vor einem Jahr hatte keines ihrer guten, lieben Worte mehr etwas ausrichten können. Die Welt hatte ihn zugrunde gerichtet. Die Stärke, die sie gemeinsam aufgebaut hatten, war langsam dahingebröckelt, war durch Anfeindungen und Gehässigkeiten von außen immer weiter zerstört worden. Bis zuletzt hatte sie alles versucht. Er war nicht mehr aufgestanden, hatte nicht mehr gelesen oder ferngesehen. Er hatte sich endgültig aufgegeben.
Sie waren als "zu gutmütig", al "zu ruhig" geschimpft worden. Nie hatten sie verstehen können, was an diesen Eigenschaften so schlimm sei. dass man mit ihnen nicht leben könnte. Sie waren beide nicht die Typen gewesen, die sich je nach Situation mal so und mal so verhielten. Doch mit der zeit mussten beide erkenne, dass man in dieser Gesellschaft, in der nur noch Geld, gutes Aussehen und Trends als Werte zählen, nicht weit mit Charakterzügen wie Ehrlichkeit, Geduld und Treue kommen kann. Man wurde einfach nicht akzeptiert. Niemals hätten si sich vorstellen können, eines dieser aufgesetzten Leben voller endloser Partys, Späße, ohne jedes Nachdenken, ohne jede Ruhe leben können.
Ihn hatte all das zuerst hingerichtet.
Doch die selbstgewählte Einsamkeit hatte sie auch nicht schützen können. Nach und nach waren all iher äußeren Abgrenzungen gegen diese Spaßgesellschaft gefallen. Man hatte sie gestohlen, zur Mode gemacht, sei vergesellschafttet.
Sein Harz war daran zerbrochen, und so war er gegangen.
In der Nacht vor einem Jahr hatte er wie sie einsam in einem Zug gesessen und war hinaus gefahren zu einem alten Steinbruch.
Als er sprang, als seine helle, weiche Haut mit dunklem Blut benetzt wurde, machte ihr Herz einen Sprung, spürte sie, dass er gegangen war.
Als die absolute Gewissheit in Form eines Anrufes von der Polizei kam, hämmerte ihr Herz in ihrer Brust, pochte in ihren Schläfen
Sie schrie einen ganzen Tag lang, versuchte ihm dorthin zu folgen, wo auch immer er jetzt wohl war, indem sie sich die Arme aufschnitt. Hinter dem Nebel, der sie umgab vermutete sie schon seine große, schlanke, schöne Gestalt, doch man hielt sie zurück.
-Steckte sie in eine Klinik, in der man sie "therapieren", wieder "gesellschaftsfähig" machen. Doch alles vergebens, was sie auch versuchten. 365 Tage lang. Sie sprach nicht mehr und aß kaum etwas. Sie lebte in ihren Gedanken und mitten zwischen den ganzen durcheinandergewirbelten Gedanken reifte in ihrem Kopf ein Plan, der Plan es ihm gleich zu tun.
Beim Gedanken an ihn begann ihr Herz vor Sehnsucht zu rasen. Sie war fest entschlossen. Sie riss sich die weißen klinikklamotten vom Leib und schlüpfte in ihre eigenen schwarzen, die in einer Plastiktüte unten in dem schmalen Schrank 365 Tage lang unbenutzt gelegen hatten. Sie wurde wieder sie selbst und entkam, setzte sich atemlos im Schutze der Dunkelheit in den Zug und fuhr ihm entgegen. Sie sehnte sich so, so sehr.
Ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus, als der zug endlich hält um sie in die Freiheit zu entlassen.
Leichtfüßig läuft sie durch das Feld voller Weizenähren und lacht laut. Ihr schwarzes Haar weht im Wind. Schon bald gelangt sie in den Wald und obwohl sie noch nie zuvor dort gewesen ist, kommt ihr alles so vertraut vor. Sie lässt sich von ihrem Herzen leiten.
Dann liegt er im Dunkeln vor ihr, der alte Steinbruch.
Keines der Warnschilder nimmt sie in ihrer Euphorie wahr. Als sie über den Stacheldrahtzaun steigt, reißen dessen Spitzen tiefe Wunden in ihre leicht geröteten Wangen, doch sie spürt keinen Schmerz mehr. im Nebel vor ih, seine Gestalt, seine Arme ihr weitgeöffnet entgegengestreckt. Nicht eine Sekunde stockt oder zögert sie, lachelnd springt sie ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen...
Und ihr Herz rast...
ein letztes Mal...

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