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Date Posted: 01:56:23 06/15/02 Sat
Author: XXX
Author Host/IP: NoHost / 193.158.59.253
Subject: Re: Amoklauf in Erfurt
In reply to: p.l. 's message, "Amoklauf in Erfurt" on 01:42:27 06/15/02 Sat

Ein Schüler zeigt sich selbstbewusst und 17 Menschen müssen dran glauben.



In einem Erfurter Gymnasium erschießt ein 19-Jähriger Ex-Schüler einen Teil seiner Ex-Lehrer und noch ein paar weitere Personen, die ihm im Wege stehen. Die Vertreter der Nation sind geschockt, wissen aber so ziemlich genau, je nach Parteizugehörigkeit, wie man mit der Wüterei des jungen Schützenbruders Politik machen kann. Ganz Staatsmann erklärt der Bundeskanzler: “Alle Erklärungsversuche sind vorläufig und greifen zu kurz.” (zitiert nach Thüringer Allgemeine, 27.4.) Damit nimmt er der Konkurrenz von CDU/CSU gleich den Wind aus den Segeln und setzt diese ins Unrecht, sollte sie versuchen, im Hinblick auf die Wahlen jetzt ein paar Punkte zu machen. Trotzdem meldet sich Stoiber zu Wort und nennt die Tat “ein Alarmsignal für unsere Gesellschaft”. In Bayern hätten sie schon ein Konzept zur Eindämmung illegaler Waffen in der Mache. (ebd.)
Die PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer zeigt sich als gestandene Staatsmännin und spricht ein klares Wort: “Die Umstände der Tat müssen schnellstmöglich aufgeklärt werden.” (ebd.)

Die professionellen Begutachter der verqueren bürgerlichen Psyche haben nun in den Medien Hochkonjunktur. Schließlich will jeder von kompetenter Seite bestätigt wissen, was er ohnehin über die gewalttätigen Kids so denkt. Der Vize-Präsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologen analysiert: “Es handelte sich vermutlich um einen introvertierten, wenig kommunikativen Jungen, zu dem niemand einen wirklich persönlichen Zugang hatte.” Weiter führt er aus, dass der Schüler sich vermutlich über längere Zeit als erheblich gekränkt und benachteiligt empfunden habe. (ebd.)
Eine ehemalige Schülerin, heute Journalistin, meint zum Klima an der Schule: “An der Schule war es üblich, dass die Lehrer auf die Schüler zugegangen sind. Sie waren für uns da und haben uns bei Problemen beraten. Wir hatten ein gutes Verhältnis zu unseren Lehrern.”

Damit ist die Schule aus dem Schneider. Entweder muss die unterentwickelte Persönlichkeit des Jungschützen als Erklärungsmuster herhalten oder es sind die Gewaltvideos und -spiele, die hier eine Mitschuld tragen. Besonders betont werden die unzulänglichen Gesetze zur Kontrolle des Waffenbesitzes von Untertanen durch die Staatsgewalt.
Der bayerische Innenminister Beckstein und Adjudant des Kanzlerkandidaten Stoiber zählt den “unkontrollierten Konsum von gewaltverherrlichenden oder schwer jugendgefährdenden Videofilmen” (Thüringische Landeszeitung vom 27.4.) zu den Ursachen der Tat.
Gerlinde Sommer von der Thüringischen Landeszeitung glaubt in dem Jungen jemanden zu erkennen, “der mit seinem Misserfolg ... nicht umgehen konnte.” (ebd.)

Dass Gründe für die Tat nicht in der Schule zu suchen sind, ist für jedermann klar. Schließlich ist das in Thüringen unmittelbar nach der Wende eingerichtete klare dreigliedrige Schulsystem dem Wesen des Menschen auf den Leib geschneidert. Die Dummen gehören auf die Hauptschule. Die zukünftigen Handarbeiter mit Kopfunterstützung werden auf der Realschule unterrichtet. Die Elite hat ihren Platz auf dem Gymnasium. Im Gegensatz zum früheren sozialistischen Schul-Einheitsbrei erhält nach Auffassung der modernen Pädagogen der junge Mensch entsprechend seiner Fähigkeiten die optimale Förderung. Einleuchtend rechtfertigt sich die Dreigliedrigkeit des Schulsystems, wenn man sich die Resultate der verschiedenen Schulformen anschaut: Die Hauptschulabgänger sind in der Regel dumm, die Abiturienten schlau.
Die Schule verteilt also Lebenschancen mit allen positiven und negativen Konsequenzen. Wer im schulischen Ausleseprozess das Glück hat, zum oberen Drittel zu gehören, dem Winken attraktive, gut bezahlte Jobs. Wer sich im unteren Drittel wiederfindet, hat die Arschkarte gezogen.

Der Amokläufer
Der Jungschütze wird als Amokläufer bezeichnet. Die Süddeutsche Zeitung liefert die Erklärung: „Als Amoklauf bezeichnet man die mörderische Raserei eines Menschen, der versucht, jeden zu töten, der in seinen Weg gerät.“ (Süddeutsche Zeitung, 27.4.) Also ist der junge Mann kein Amokläufer. Schließlich hat er nicht wahllos herumgeballert, sondern sich gezielt seine Lehrer ausgesucht.
Der Professor Foerster aus Tübingen hat dazu auch seine Erklärung: „Sie (die Amokläufer) zeigen häufig eine übertriebene Empfindlichkeit gegenüber Rückschlägen oder Rücksetzung und ein übertriebenes Gerechtigkeitsgefühl.“ (ebd.)
Dass in unserer Gesellschaft Rückschläge und Rücksetzung zum Alltag gehören, weiß der Herr Professor. Der kalkulierende Umgang damit soll der Normalbürger beherrschen, der Jungbürger aus Erfurt hatte das wohl noch nicht so richtig drauf. Niederlagen sind für die bürgerliche Existenz eben vorprogrammiert. Das ist das 1. Grundgesetz der bürgerlichen Existenz.
Auch mit der Gerechtigkeit soll man es nicht ganz so genau nehmen. Vor allem darf man die Gerechtigkeit nicht in der Weise falsch verstehen, als sei sie ein Mittel zum persönlichen Erfolg. Wenn man es übertreibt und zudem die Durchsetzung der Gerechtigkeit in die eigenen Hände nimmt, kann so etwas wie im Erfurter Gymnasium rauskommen. Für die Herstellung von Gerechtigkeit ist die Staatsgewalt zuständig. Das ist das 2. Grundgesetz der bürgerlichen Existenz.

Die Schule hat dem Schützenbruder die Karriere versaut. Der junge Mann fand das gar nicht gut und hat sich nicht nur diejenigen vorgeknöpft, die nach seiner Meinung schuld an dem Desaster waren, sondern das Urteil der Lehrer auf finale Weise auch an sich selbst exekutiert.
Alltäglich sind solche Geschichten nicht. Und Panikmache ist auch nicht angesagt. Im Normalfall beugt sich der Bürger gegenüber den Zwängen der Gesellschaft und versucht – das ist der Erfolg von Erziehung - sich trotzdem einzubilden, ein toller Typ zu sein.

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