VoyForums
[ Show ]
Support VoyForums
[ Shrink ]
VoyForums Announcement: Programming and providing support for this service has been a labor of love since 1997. We are one of the few services online who values our users' privacy, and have never sold your information. We have even fought hard to defend your privacy in legal cases; however, we've done it with almost no financial support -- paying out of pocket to continue providing the service. Due to the issues imposed on us by advertisers, we also stopped hosting most ads on the forums many years ago. We hope you appreciate our efforts.

Show your support by donating any amount. (Note: We are still technically a for-profit company, so your contribution is not tax-deductible.) PayPal Acct: Feedback:

Donate to VoyForums (PayPal):

Login ] [ Main index ] [ Post a new message ] [ Search | Check update time | Archives: 12[3]4 ]


[ Next Thread | Previous Thread | Next Message | Previous Message ]

Date Posted: 22:58:36 04/13/04 Tue
Author: tyrann
Author Host/IP: cache-frr-ae01.proxy.aol.com / 195.93.65.4
Subject: zerstörung

Zunächst müssen wir die Antike betrachten, die erste große Auseinandersetzung fand statt zwischen dem antiken griechisch-römischen Heidentum und der erstarkenden christlichen Kirche.
Hierzu ist festzustellen, daß Paulus bereits im Jahre 54 n. Ztw. in Ephesos eine große Bücherverbrennung inszenierte, wobei es sich um Bücher handelte, die von "sonderbaren Dingen" handelten. Im Jahre 390 n.Ztw. verbrannten Christen die große Serapeion-Bibliothek in Alexandria (Ägypten), in der sich etwa 200 000 Schriftrollen mit religiösen, literarischen und wissenschaftlichen Überlieferungen befanden.
Schon unter Konstantin dem Großen, der im Jahre 313 das Mailänder Edikt zum "Schutz der Christen" erließ, machte sich bereits butale Intoleranz bemerkbar: Darin verbot er z.B. das Heranziehen etruskischer Zeichendeuter zur Erforschung der Zukunft, obwohl er selbst diesen Praktiken popsitiv gegenüber stand und sie auch benutzte.
Theodosius d. Gr. (379-395) sandte besondere Präfekten in die Provinzen, mit dem Auftrag, heidnische Heiligtümer und Kulte mit staatlichen Mitteln zu brechen. Auf diese Weise wurden heidnische Kulte wie der Mithras-Kult in den Randgebieten des Imperium Romanum zerstört, bevor man daran ging, die einheimischen Kulte jener Regionen zu beseitigen. So wurde das Mithraeum in Dieburg bei Darmstadt zerstört, ebenso wie jenes in Saarburg bei Trier. In letzterer Kultstätte fanden Archäologen das gefesselte Skelett des dortigen Mithraspriesters, der wahrscheinlich von Christen ermordet wurde.
Durch zwei Verordnungen, 385 und 392, stellte er die Wahrsagepraktiken der Haruspizien unter Strafe: Der Tod auf dem Scheiterhaufen drohte jedem, der einen Haruspex konsultierte. Sein Sohn und Nachfolger Honorius ließ die Bücher der Nymphe Vegoia samt den im Jupitertempel auf dem Kapitol aufbewahrten Sibyllinischen Büchern öffentlich verbrennen - unersetzliche Schätze uralter etruskischer Mysterienkultur (s. Literatur 19a ).
Selbst ein protestantischer Kirchenhistoriker muß zugeben: "Unter Theodosius (Imperium Romanum) war das Heidentum fast völlig entrechtet, durch äußeren Zwang, in blutigen Kämpfen wurde das Christentum staatlicherseits zum Siege gebracht. Dem staatlichen Verhalten entsprach das Vorgehen des christlichen Pöbels -Tempelstürme!- , der durch den Klerus und von Mönchen geführt wurde." (Die Religion in Geschichte und Gegenwart,Bd.1, S.1552, Tübingen 1927).
Der französische Julian-Biograph Benoist- Mechin dokumentiert den christlichen Vernichtungswillen folgendermaßen: "Säulen, Architrave und Kapitelle der Tempel wurden entfernt und für den Bau von Klöstern und Kirchen benutzt. Im Jahre 376 wurde das Mithras-Heiligtum in Rom zerstört, 380 ließ Theodosius das Heiligtum von Eleusis vernichten; 391 wurden alle heidnischen Tempel geschlossen, die Gläubigen verfolgt. Heidnische Heiligtümer in Edessa und Apameia wurden im Jahre 387 von Christen zerstört. Natürlich gab es auch Heiden, die sich dem zunehmenden christlichen einfluß entgegenstemmten, wie z.B. Porphyrios (233-304), Celsus, der im Jahre 178 das erste antichristliche Werk schrieb und schließlich der berühmte Kaiser Julian, der eine tiefgreifende Reform des Heidentums und einen Staat auf echt heidnischer Grundlage erstrebte".
Um sich ein Bild von der moralischen Integrität der politischen Steigbügelhalter der Christianisierung zu machen, sei kurz eine blutige "Anekdote" aus dem Leben des Theodosius berichtet. Theodosius, Kaiser von Byzanz läßt im Jahre 390 in der Arena des Zirkus von Thessalonich 7000 Menschen niedermetzeln - Bürger jener Stadt. Welches schreckliche Verbrechen hatten sie wohl begangen ? Der Grund war, daß in Thessalonich e i n kaiserlicher Beamter ermordet worden war ! Am Weihnachtstage des Jahres 390 zwang Ambrosius, Bischof von Mailand den Kaiser, für diese administrative Schandtat vor allem Volk ein öffentliches Schuldbekenntnis abzulegen. 391 ist es dann dieser Kaiser, der den römischen und hellenischen Heiden alle öffentlichen Tieropfer verbietet, ein zentraler Ritus des alten Heidentums. Die Begründung:"...denn es sei nicht statthaft, für menschliche Schuld ein unschuldiges Tier zu schlachten" (zit. b. Holger Schleip: Zurück zur Naturreligion ? , Freiburg i. Br. 1986, S.71) Solche moralischen Wracks konnte die Kirche in der Tat hervorragend für ihre Zwecke einspannen. Die beste Kenntnis der menschlichen Seele dient hier nur zu dem Zweck, ihre Versklavung zu vollenden, nie zur Heilung oder Vervollkommnung.
Vigilius, Bischof von Trient (um 378) versuchte ein Götterbild hinabzustürzen, das sich auf einem schroffen Felsen befand. Es gelang ihm nicht mehr, da er vorher von erbosten Bauern erschlagen wurde.
Nicht sehr viel pietätvoller gingen die Bekehrer auch mit den Heiligtümern der Griechen um: Die Athenestatue aus dem Parthenon auf der Akropolis in Athen wurde im 5. Jhdt. entführt und der Asklepiostempel zerstört. Eine ganze Reihe anderer Tempel ließ man zwar in ihrer Bausubstanz unversehrt, entweihte sie dann allerdings dadurch, daß man sie Gestalten der christlichen Ikonographie widmete. Der Tempel der Athene auf der Akropolis wurde der Jungfrau Maria zugeordnet, ebenso auch der Tempel der Persephone. Das Theseion, der Tempel des Theseus wurde eine Kirche des heiligen Georg. In Eleusis, im Tempel des Triptolemos, in Lebadia, im Heiligtum des Trophonius und im Tempel der Rhea zu Konstantinopel: Überall bemächtigten sich die Christen der alten Kultstätten, um sie als Kirchen zu mißbrauchen. Noch schäbiger behandelte Theodosius einige Tempel auf der Akropolis, indem er sie einer profanen Nutzung unterwarf. So geschah es mit den Tempeln des Helios, der Artemis und der Aphrodite. Ein Jupiter- und ein Poseidontempel wurden niedergerissen, um anschließend aus dem Baumaterial Kirchen für christliche Märtyrer zu errichten.
Selbst in späterer Zeit, als die religiöse Riten der antiken Welt längst erloschen waren, macht der christliche Haß keinen Halt vor den künstlerischen Kultobjekten: Der griechische Asket Ossios Christodoulos (gest. März 1093) fand auf der Insel Patmos einen Tempel der Göttin Artemis, die einst Schutzgöttin der Insel war. Er "zerstörte erst ein kunstreiches Götzenbild, das sie dort im Namen der Artemis hatten" und baute dann an dieser Stelle sein Kloster (Papadopoulos, S. 6)
Auch in Italien ist die Zahl der heidnischen Tempel, denen eine neue christliche Identität verpaßt wurde, geradezu Legion. Wenn die Menschen wirklich wie von selbst Christen wurden, wie manche Theologen gern behaupten, warum schufen sie sich dann nicht auch ihre eigenen Heiligtümer ?
Folgende alte Kultstätten fielen im Einzugsgebiet des römischen Heidentums der Christianisierungswut auf diese Weise zum Opfer: Das Templum Sacrae Urbis und das Templum Romuli (durch Bischof Felix IV., 526-536), das Pantheon - heute S. Maria Rotonda (609 durch Bonifazius IV.), der Antoninstempel, der Tempel der Ceres und Proserpina und der alte Minervatempel (Alle in Rom).
Im übrigen Italien teilten dieses Schicksal ein Apollotempel in Fundi(Latium), ein Bacchustempel in Mailand (Ambrosiusbasilika), ein Concordiatempel (Sizilien), ein Zeusheiligtum (Girgenti/Sizilien) und ein Athenetempel auf Ortygia.
Doch es dauerte noch geraume Zeit, bis das antike Heidentum wirklich verschwunden war. Noch im Jahre 528 fand Benedikt von Nursia eine Kultgemeinschaft des Gottes Apollon auf der Höhe des Castrum Casinum in Latium. Dort gab es einen heiligen Hain, ein Kultbild nd einen Altar, auf dem noch Opfer dargebracht wurden. Benedikt zertörte die Statue mitsamt dem Tempel und brannte den Hain nieder. An dieser Stelle wurde das erste Kloster der Benediktiner, Monte Cassino, begründet.
Auch im gesamten orientalischen Einzugsbereich der hellenistischen Kultur, in Kleinasien, Syrien und Ägypten wurde das Zerstörungswerk intensiv betrieben. Man muß ein Buch wie "Der unbesiegte Gott" von Franz Altheim (Hamburg 1957) gelesen haben, um schmerzlich nachzuempfinden, wie grandios und vielfältig das Heidnische auch in diesen Regionen der alten Welt präsent war - der starren Gesetzesreligion des Judentums zum Trotz. Wie sich hier Impulse altorientalischer Sonnenkulte mit hellenischen Mysterien in künstlerischer Intuition zu einem komplexen Gebilde entwickelte, dem das spätere orientalische Christentum oder gar der Islam nur eine unfaßbare geistige Öde entgegensetzen konnten.
In der Stadt Sufes (Nordafrika) stürzten die Christen eine besonders verehrte Herkulesstatue um, worauf es zu blutigen Unruhen kam, in deren Verlauf mehr als sechzig Christen getötet wurden. Der Berichterstatter Augustin verschweigt nicht, daß Christen aber auch die eigentlich Schuldigen an dem Gemetzel waren (Neuwinger, S.132). Im Jahre 391 wurde das Serapeion, der Tempel des griechisch-ägyptischen Gottes Serapis, unter Anführung des Patriarchen Theophilus von den Christen gestürmt und vernichtet. Die griechische Mathematikerin und neuplatonische Philosopin Hypatia wurde im Jahre 415 von asketischen Mönchen vom nitrischen Gebirge nackt ausgezogen und mit Glasscherben zerfetzt (Deschner, S.392) In Kleinasien wurden der Tempel des Dionysos in Teos (Karien) sowie das Heiligtum der Athene Polias in Priene zerstört. In Phönizien wurde der Tempel von Aphaka am Libanon von Konstantin vernichtet, weil der dort praktizierte Aphrodite-Kult den Trägern einer neuen verkrampften Morallehre Bauchschmerzen bereitete.
In Gaza, einst eine Metropole der Philister, widmete sich der Asket Porphyrius dem Werk der Zwangsbekehrung. Als Porphyrius im Jahre 395 Bischof wurde, erwirkte er von Kaiser Arkadius ein Dekret gegen den Götzendienst, das eigentlich nur durch eine Intrige seiner fränkischen Gemahlin Eudoxia zustande kam. Porphyrius vernichtete zunächst eine Marmorstatue der Aphrodite. Das Marneion, ein Heiligtum des semitischen Gottes Marna wurde niedergebrannt und an dessen Stelle eine Kirche gebaut. Mit den Marmorstücken des Allerheiligsten des Tempels ließ Porphyrius den Weg zur Kirche pflastern, "damit jene nicht nur von Männern mit Füßen getreten würden, sondern auch von Frauen und Schweinen und anderen Tieren" (zit. b. Neuwinger, S.134). Ferner wurden Haussuchungen durchgeführt, bei denen man es auf Götterbilder abgesehen hatte. Was gefunden wurde, zertrümmerte man, warf es ins Feuer oder in den Schmutz.
In Adra bei Damaskus wurde ein Tempel des Gottes Theandrites von den Christen zertrümmert und durch eine Kirche ersetzt.
Marcellus, Bischof von Apamea, hatte in seinem Ort bereits alle heidnischen Tempel niedergerissen. Als er auch in den benachbarten Ort Aulon mit einigen Soldaten aufbrach, um einen dort gelegenen Tempel zu zerstören, wurde er mit dem Widerstand der einheimischen Bauern konfrontiert. Diese belagerten und verteidigten ihr Heidentum. Als sie Marcellus dezent im Hintergrund stehend erspähten, schleppten sie ihn fort und verbrannten ihn bei lebendigem Leibe.
Wenn man bedenkt, daß der Bevölkerungsanteil der Christen im Imperium Romanum zur Zeit Konstantins (Mitte 4.Jhdt.) auf weniger als 10 % geschätzt wird, so wird man ihre Handlungsweise verstehen können: Ohne Terror und machtpolitische Intrigen hätte das Christentum nie die Macht erringen können.
Ein wesentlicher Grund dieser Machtergreifung liegt aber auch in der Schwäche und Dekadenz der antiken Kultur, die durch die Auflösung der alten sozialen Ordnung, der Verkommenheit der herrschenden Schichten und der Durchdringung mit unverstandener orientalischer Kultur dem Verfall preisgegeben war.
Allerdings müssen wir auch das Ausmaß an Toleranz bewundern, das in der antiken Welt möglich war. Diese Toleranz war einesteils eben die Grundlage für eine ungeheuer fruchtbare Vielfalt in Kultus, Gottesvorstellung und Philosophie - und zugleich auch der Hauptgrund dafür, daß man nicht die tödliche Gefahr des christlichen Dogmatismus erkannte. Einer entschlossenen Ideologie, die sich um jeden Preis an die Spitze des geistigen Lebens setzen wollte, hatte man nichts entgegenzuhalten, keine unüberwindbare geistige Front, da die Exponenten des Heidentums in zahllose intelektuelle Scharmützel verstrickt waren. So bemerkte einst der Philosoph Themistius zu Kaiser Valens: "Die Hellenen haben einhundert Weisen, die Gottheit aufzufassen und zu ehren, die sich über diese Verschiedenheit der Huldigungen freut" (zit. bei Theodor Reik: Der eigene und der fremde Gott, Frankfurt a. M. 1972, S.173).
Schon längere Zeit, bereits in den Schriften Ciceros (106-43 v.Ztw.) war die bloße Existenz der Götter Gegenstand endloser philosophischer Debatten, die sich in fruchtlosen Abstraktionen und Gedankenspielen verloren. Es fehlte bereits Jahrhunderte vor der definitiven Christianisierung an lebendigem Glauben und innerer Gewißheit im römischen Heidentum.
Deshalb verlagerte sich das abendländische Machtzentrum auch bald in den Bereich jener nordeuropäischen Völker und Stämme, die noch nicht durch die zivilisatorische Aufweichung Roms beeinträchtigt waren.
Ein besonderes Kapitel der Bekehrungsgeschichte sind die kontinentalen Kelten, da sie ja bereits früher, durch die Auseinandersetzung mit den Römern, viel von ihrer eigenen Identität eingebüßt hatten. Bekannt für die Zerstörung des noch verbliebenen keltischen Heidentums der Gallier wurde Martin von Tours (4. Jhdt.), der zahlreicheHeiligtümer zerstörte. Er litt derart unter seinem
dadurch hervorgerufenen schlechten Gewissen, daß er selbst noch hin und wieder von heidnischen Göttinnen und Göttern heimgesucht wurde. In Ambroise zerstörte er einen gewaltigen alten Tempel und stürzte eine Säule mit einem Götterbild zu Boden.
Remigius von Reims wütete im 5. bis 6. Jhdt. gegen die "Altäre der Idole", unter denen er vor allem Heiligtümer der altgallischen Dreiheitsgötter verstand.
Orientus, ein Bischof im südlichen Aquitanien riß einen Tempel nieder, der sich auf der Spitze eines heiligen Berges befand.
Cäsarius, der in der Gegend um Arles wirkte, forderte in seinen Predigten immer wieder zur Vernichtung der Altäre und Heiligtümer auf.
All die hier geschilderten Untaten sind einesteils die Geschichte einer Kultur, die durchaus ursprüngliche, erdreligiöse Bezüge hatte, das Leben und die Natur durch eine Vielzahl von Riten zu heiligen bemüht war. Doch je mehr die Gier nach äußerer Macht und die damit verbundene Raffgier nach noch mehr Besitz internationalen Handel und Militarismus förderten, desto stärker löste sich die alte Ordnung auf.
Die römische Kultur war schließlich an einem zivilisatorischen Stadium angelangt, an dem die soziale Schichtung der Bevölkerung soviel Leid und der luxuriöse Überfluß soviel Überdruß hervorgerufen hatten, daß die scheinbare Lösung aller Probleme nur noch durch eine Erlösungsreligion gewährleistet werden konnte.
In diesen geistig-seelischen Leerraum stießen viele verschiedene Mysterienkulte vorwiegend orientalischer Herkunft - Doch nur das Christentum konnte den Sieg davon tragen. Dank seiner rigorosen Ansprüche auf Macht und Entfaltung, die wir im vorigenKapitelskizziert hatten.

[ Next Thread | Previous Thread | Next Message | Previous Message ]


Forum timezone: GMT+1
VF Version: 3.00b, ConfDB:
Before posting please read our privacy policy.
VoyForums(tm) is a Free Service from Voyager Info-Systems.
Copyright © 1998-2019 Voyager Info-Systems. All Rights Reserved.