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Date Posted: 00:57:09 10/18/03 Sat
Author: Krieger aus dem Schattenreich
Subject: Der Doppelgänger

Dies ist nur ein Traum...doch „Sensibelchen“ wie ich neigen dazu – wohl in der ihnen eigenen, romantisch verklärten Sicht der Dinge – in Träumen mehr zu erkennen, als tatsächlich vorhanden ist. Hier ist das Ergebnis einer solchen Überinterpretation – ein Traum ohne Bedeutung, der zu einer pathetischen Geschichte mit noch weniger Bedeutung wurde.

Der Doppelgänger

Viele Stunden schlenderte ich schon durch diese kahle Stadt. Der lichtlose Nebel hüllte sie in dieses gleichmachende Grau und drohte, die Menschen und Häuser – alles lebende und tote – zu verschlingen. Meine Hände waren von der immerwährenden Kälte taub und rissig geworden. Ich wusste, formte ich sie zu einer Faust, so würde die Haut aufspringen und das Blut würde in Strömen aus den Wunden fließen bis es, vom Tuch meines Mantels aufgesaugt, zur Ruhe käme.
Und Gedanken lassen mich nicht in Frieden:

„Am Morgen war ich noch froh und zuversichtlich. Ich dachte – wohl in kindlicher Naivität -, dass sich schließlich alles in Wohlgefallen auflösen würde. Doch später, als ich bereits aufgegeben hatte, blieb nichts davon in mir zurück. Keine Leichtigkeit, keine Hoffnung. Und auch die Melancholie wollte mir nicht so süß schmecken, wie sie es gewöhnlich tat. Nur das übermächtige Selbstmitleid versuchte, die Leere auszufüllen - und versagte.....Diese Sache, diese Sache,...war sie denn zu groß für mich? Hätte ich sie jemals wahrhaftig fassen können, so wäre sie mir noch im selben Augenblicke wieder aus den Händen geglitten. Und obwohl sie niemals wirklich in meinem Leben war, so folgte sie mir, gleich einem Schatten, überall hin, und ich konnte es nicht benennen. Aber was ist denn schon ein Name? Nichts ist er, nicht einmal der Versuch einer Erklärung. Was ist dann „ein liebes Wort“? Noch weniger Wahrhaftigkeit, noch unvollständiger ist es. Nein, mit Worten konnt ich´s nicht benennen, und werde dazu auch niemals fähig sein. Und dennoch ist es allgegenwärtig, begleitet mich, wohin ich auch gehen mag, selbst in meine Träume dringt es ein. „...es ist so fürchterlich, dass meine Seele sich wünscht, erhängt zu sein....“, will mir ständig einfallen, diese Zeile aus einem alten Lied. Und ich möchte sie so gerne vergessen, als wäre sie nie vom Dichter niedergeschrieben worden. Aber ich weiß, selbst wenn es mir gelingen würde, sie aus meinem Kopfe zu verbannen, ich verginge aus Schmerz über den Verlust......

Oh, ein Hutgeschäft. Da gehe ich hin!“
Der Salon für Hüte war in einem außerordentlich schlechten Zustand: von der Aufschrift „Hüte für die moderne Frau. I. Rosenstein, Besitzer“ fiel die goldene Farbe ab und sammelte sich in einer schillernden Lacke auf dem Gehsteig. Das Schaufenster zeigte wohl schon seit Jahren die selben alten Hüte.
Zwei Stufen hinauf zum Eingang, die Tür stand offen, ich trat ein. „Seltsam, dass hier niemand ist.“, fiel es mir ein. Kein Hutmacher, kein Verkäufer, kein Geschäftsinhaber. Zielstrebig ging ich auf den samtenen, schwarzen „Topfhut“ zu, der mir schon die ganze Zeit über zugezwinkert hatte und mich auf diese Weise anlocken wollte. Ich legte meinen eigenen Hut auf der Theke ab und setzte den fremden auf meinen Kopf. Und er passte, als wäre er speziell für mich angefertigt worden, als hätte er schon immer mir gehört. „Und wenn ich ihn einfach behalte?“, dachte ich so bei mir. „Ich gehe einfach – ganz ruhig – aus dem Geschäft. Dann um die Ecke des Hauses und verschwinde in der Menschenmenge am Hauptplatz....“ Also ging ich schnellen und bestimmten Schrittes dem Ausgang zu. Die Stufen hinunter und dann....- da stand jemand. Eine kleine, unscheinbare Frau im schwarzen Mantel, bleich und unbeweglich. Und unter einem samtenen, schwarzen Topfhut blickten zwei große, grünlich graue Augen hervor; anklagend starrten sie in die meinen. „Ein Spiegeltrick!“, schrie es in mir auf. Also trat ich einen Schritt zurück, und wieder nach vorne, drehte mich um mich selbst und schnitt eine Grimasse. Doch sie stand still; bewegte sich keinen Zentimeter, ihr Gesicht starr geradeaus gerichtet, wie vorhin....nur ihre Augen verfolgten die meinen mit den ihnen eigenen Ausdruck des unbarmherzigen Vorwurfs. Auch ich erstarrte. „Wer bist du und was willst du von mir?“, wollte ich schreien, doch bemerkte ich im selben Augenblick, dass ich gar kein Organ besaß, welches eine Frage formulieren konnte. Doch es schien, als hätte sie trotzdem verstanden. Aber sie antwortete nicht und ihre unausgesprochene Anschuldigung machte mich unruhig und lastet wie ein Stein auf meiner Brust. „Wenn ich einfach an ihr vorbeigehe, als stünde sie gar nicht im Wege? Ich könnte einfach weggehen und sie hier stehen lassen. Dann wäre auch mein Herz von diesem Druck befreit....“. Also wollte ich mit ruhigem Selbstbewusstsein an ihr vorbei schreiten. Doch, von der Unsicherheit aufgehetzt, rannte ich in sie hinein. Und zu meiner Überraschung spürte ich Widerstand. Sie fiel langsam aber unsanft auf den Gehweg. In ihrem Gesicht spiegelte sich weder Überraschung noch Entsetzen, aber Gewissheit wider. Ich lief, ihre Not unbeachtet, weiter. Ein Ziel hatte ich nicht – nur weg so schnell wie möglich und die Anklage vergessen.

Und jetzt, hier in den strömenden Fluten des Flusses – meinem ewigen unruhigen Grab – verstehe ich die Schuld und das Urteil.

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