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Date Posted: 14:08:28 05/18/03 Sun
Author: shadow
Subject: ~ Engel ~

Es war einer jener Tage gewesen, an denen Sylvia sich fragte, warum sie noch nicht längst gekündigt hatte. Jeder im Büro nahm seine Arbeit wichtiger als die der anderen, und allein an ihr schien die Mehrarbeit kleben zu bleiben. Wie viele Überstunden sie inzwischen schon auf sich genommen hatte, wusste sie nicht zu sagen. Auch an diesem Tag war es wieder so spät geworden, dass es schon dämmerte, als sie sich endlich auf den Weg nach Hause machen konnte. Wenn man ihre Arbeit wenigstens honorieren würde! Aber das schlimmste von allem war, dass man ihre Verausgabung als selbstverständlich hinnahm. Hinzu kam noch der Streit mit der alten Hufnagel, der jeden Tag groteskere Formen annahm.
Sylvia wusste nicht mehr weiter. Manchmal wünschte sie sich, es wäre vorbei, es würde einfach enden – irgendwie. Das "irgendwie" wagte sie in solchen Momenten nicht näher zu benennen. Aus Angst vor dem, was sie entdecken könnte in den Tiefen ihrer Seele.

Der Nebel waberte in grauen Schlieren über die Straße. Gemeinsam mit der hereinbrechenden Dunkelheit vermittelte er ihr das Gefühl von Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die mit jedem Tag zuzunehmen schien und ihr Inneres zu ersticken drohte. Die Gestalt, die über die Straße wankte, hätte sie fast übersehen. Bremsen quietschten. Der Wagen kam ins Schleudern. Ihr Herz klopfte wie rasend. Dann endlich blieb das Auto stehen. Einen Herzschlag lang blieb sie wie gelähmt sitzen. Sie zitterte, wischte sich mit fahrigen Fingern übers Gesicht und fühlte die warme Nässe an ihren Händen. Dann drehte sie sich um, langsam, als könne sie mit ihrem Zögern das, was offensichtlich geschehen war, rückgängig machen.

Auf der Straße war im Nebel eine helle Gestalt auszumachen. Sie schien zusammengekrümmt am Straßenrand zu hocken, reglos. Die Tür klappte auf. Mit zittrigen Knien stieg die Frau aus und ging mit langsamen Schritten auf die Gestalt am Boden zu, hoffend, betend, der Jemand dort möge noch leben und unverletzt sein. Dann sah sie ihn. Es war ein junger Mann. Als sie auf ihn zutrat, blickte er auf. Blaue Augen sahen sie verwirrt an. Dunkle, kurze Haare umrahmten ein Gesicht von der Schönheit einer griechischen Statue – so schön wie der Körper, der sich ihr darbot. Denn er war nackt.

Sie starrte ihn an, während der Mann zurückstarrte. Auf seiner nackten Haut richteten sich die Härchen auf. Er fror. "Oh, mein Gott", wisperte die Frau. Sie wusste nicht so recht, was sie tun sollte. Angst fühlte sie keine mehr, nur noch Unsicherheit und Sorge. "Sind Sie überfallen worden?", fragte sie ihn. Verständnislos sah er sie an und legte den Kopf zur Seite. "Ich verstehe nicht ..." "Hat man Sie ausgeraubt?" Sie ging neben ihm in die Hocke. Er schüttelte den Kopf. "Ausgeraubt? Ich erinnere mich nicht." "Wer sind Sie?" Er blinzelte. "Sie ... Ich ... Ich weiß nicht ..." Er stockte und schlug die Arme um den Oberkörper.

"Oh, was tu ich denn da!" Röte färbte Sylvias Gesicht. Sie fühlte erst jetzt die kalte Oktoberluft, die unter ihre Kleidung kroch. Wie sehr musste er erst frieren! "Kommen Sie!" Sie packte seinen Arm und zog ihn auf die Beine. Er gehorchte, stand endlich neben ihr und ließ sich willenlos von ihr zum Auto geleiten. Der Blick seiner staunenden Augen verfolgte sie. Sie führte ihn zum Beifahrersitz, wo er sich mit um sich tastenden Fingern niederließ. Dann kramte sie die Decke aus dem Kofferraum und reichte sie ihm. Er nahm sie entgegen, mit dem gleichen verwunderten Blick, den er ihr geschenkt hatte, als sie das erste Mal das Wort an ihn richtete. Endlich saß sie neben ihm im Auto. Was mach ich nur? Oh Gott, was mach ich nur? Ihre Gedanken rasten. Zur Polizei, natürlich! Was sonst. "Ich bringe Sie zur Polizei, ja?" Sie startete den Wagen, ohne seine Antwort abzuwarten. Er gab auch keine, sah sie nur an, als sei sie ein Geist. "Warum", fragte er sie schließlich nach einer Weile. "Warum was?" Verdutzt warf sie während der Fahrt einen Blick auf ihn. "Warum bist du so traurig?" Die Frage traf sie unerwartet hart. Starr sah sie geradeaus, unfähig eine Antwort zu geben. Warum, fragte sie sich schließlich. Ja, warum eigentlich?

Verloren saß der junge Mann auf dem Polizeirevier vor dem klobigen Schreibtisch. Andächtig fuhr er mit dem Zeigefinger über die zerschrammte Oberfläche, als könne er so etwas lesen, was nur er allein sehen konnte. "Name?" fragte der dicke Polizist hinter der Schreibmaschine. Der Namenlose registrierte ihn anscheinend nicht, befühlte stattdessen weiter die Arbeitsplatte des Schreibtischs. "Name", wiederholte der Beamte lustlos. Sylvia hatte den Eindruck, sie müsse sich einmischen. "Er kann sich nicht erinnern." "Gut, gut. Immer langsam." Der Polizist schnaufte und wischte sich über die schweißige Stirn. Er sah auf. "Also. Woher kommen Sie?" Der Fremde hielt inne und blickte ihn mit schief gelegtem Kopf an. Er schien zu überlegen. "Warum fragen Sie, wenn Sie es nicht wissen wollen?" Entnervt schob der Polizist die Schreibmaschine von sich. "Also hören Sie! Wollen Sie nun eine Anzeige aufgeben oder nicht?" Beherzt trat Sylvia auf ihn zu. "Bitte! Nehmen Sie doch wenigstens eine Beschreibung von ihm auf. Vielleicht wird er ja vermisst." Der Dicke grunzte, dann nickte er endlich. "In Ordnung." Erleichtert wollte sie endlich gehen, als sie bemerkte, dass der Unbekannte aufstand und ihr folgte. Als sie sich umdrehte, lächelte er sie an. "Gehen wir nach Hause?" Im ersten Moment wollte sie protestieren. Doch noch während sie zögerte, erschien ihr die Frage mit einem Mal gar nicht mehr so abwegig, sondern im Gegenteil völlig berechtigt. Sie lächelte. "Gehen wir", sagte sie. Der Polizist protestierte nicht.

Er hatte klaglos auf dem Sofa geschlafen, schlief immer noch, als sie am nächsten Morgen früh die Wohnung verließ. Der Tag verging wie im Flug. Kaum dass sie im Büro angekommen war, war es mit einem Mal schon Abend. Vor allen anderen Kollegen packte sie ihre Tasche zusammen und verließ das Büro. Erstaunte Blicke folgten ihr, doch keiner wagte, sie aufzuhalten. Als sie zuhause die Tür aufschloss, merkte sie, wie ihr Herz raste. Ihre Finger
zitterten. Das Bild des Unbekannten, der in ihrer Wohnung auf sie wartete, erschien ihr völlig surreal. Es musste ein Traum. Es konnte nur ein Traum sein. Da wurde die Tür von innen geöffnet. Er lächelte sie an, trug eine abgetragene, graue Trainingshose von ihr und ein weißes T-Shirt. Die Füße waren nackt. "Du bist früh", stellte er fest. Sie sah auf die Uhr. Es war erst halb sechs. Sie war tatsächlich früh. Er zog sie in die Wohnung und schloss hinter ihr die Tür. "Es ist schön, dass du da bist", sagte er und lächelte wieder. Sie lächelte zurück. Es schien ihr, als würde damit alle Last des Tages von ihr abfallen. "Danke." Sie wusste nicht, wofür sie sich bedankte, aber selten hatte sie das Wort so ernst gemeint. Sie stellte die Tasche ab und ging zum Fenster, um auf die Dächer zu sehen, über die sachte erste Nebelschwaden krochen. Ihr Blick fiel auf die Alpenrose, die schon seit Monaten auf dem Fensterbrett kümmerte. Eine zartrosa Blüte reckte sich ihr entgegen. Behutsam strich sie über die Blütenblätter. Er stand neben ihr wie ein Geist und beobachtete sie. Als sie ihn ansah, griff er nach ihrer Hand und barg sie behutsam in den seinen. Aufmerksam sah er sie an. "Du musst sie besser pflegen", meinte er schließlich. "Sie braucht mehr Liebe." Sie nickte unwillkürlich. In diesem Augenblick wußte sie nicht, meinte er die Pflanze oder sie.

Am nächsten Tag war sie bereits um fünf zuhause. Er wartete schon auf sie, die Tür stand offen, und führte sie auf den Balkon. "Schau", sagte er und bückte sich. Sie kniete sich neben ihm nieder und sah den Schmetterling, der reglos auf den Terrakotta-Fliesen lag. "Oh, wie schade", wisperte sie. Er blickte sie an, wieder mit diesem intensiven Blick und schief gelegtem Kopf. "Warum weinst du um ihn?" wollte er wissen. "Weil ... weil ..." Sie wusste keine Antwort und blinzelte verwirrt. "Weil er tot ist", hauchte sie endlich. Er runzelte die Stirn. "Aber alles stirbt. Dieser Planet genauso wie dieser Schmetterling. Warum weinst du dann nicht auch um diesen Planeten?" Sie wusste keine Antwort, fühlte nur die Tränen, die über ihre Wangen strömten. Behutsam, fast liebevoll, strich er sie weg und berührte mit den noch feuchten Fingern den kleinen Insektenkörper. Mit ungläubigem Staunen sah sie, wie der Schmetterling sich plötzlich regte. Seine Flügel vibrierten, öffneten sich und schlossen sich wieder. Dann flog er davon, taumelte in die weiße Watte aus Nebelschlieren. Andächtig sah sie ihm hinterher. Ein Sonnenstrahl verirrte sich durch den Dunst, fingerte golden durch das diesige Grau und brachte die Farben zum erglühen. Er erfasste auch den Schmetterling, der im Licht aufzuleuchten schien, bevor er Sylvias Blicken entschwand. "Schön", hauchte sie. "Ich weiß." Der Mann neben ihr lächelte. Es war das schönste Lächeln, das sie je gesehen hatte. Als sie am nächsten Tag voll beladen mit Einkaufstüten vor der Wohnungstür stand, ertappte sie sich dabei, wie sie darauf wartete, dass er ihr die Tür öffnete. Doch nichts dergleichen geschah. Mit leichtem Unmut und vielerlei Verrenkungen öffnete sie sie schließlich selbst. "Hallo", rief sie in den Flur. "Ich bin da!" Aus dem Wohnzimmer hörte sie Stimmen. Der Fernseher lief. Sie seufzte. Irgendwie hatte sie nicht damit gerechnet, dass er fernsehen könnte. Sie ging missmutig weiter in Richtung Küche, um ihren Einkauf im Kühlschrank zu verstauen, als sie seine Schritte hinter sich hörte. "Hilf mir wenigstens", wollte sie schon sagen, als er sie ohne Vorwarnung von hinten umarmte und sich an sie drückte. Er schluchzte. Entsetzt drehte sie sich um. "Was ist denn? Stimmt etwas nicht?" Die Einkaufstaschen lagen vergessen zwischen ihren Füßen. "Es ist so schrecklich", wisperte er kaum hörbar, während er sich an sie schmiegte, als suche er bei ihr Schutz. "So schrecklich ..." "Was denn", fragte sie nun ehrlich besorgt. "Die Toten", flüsterte er, "und der Krieg. Warum tut ihr das?" Tränenüberströmt sah er sie an. "Warum tut ihr das? Ihr habt doch Angst vor dem Tod!" Sylvia starrte ihn nur an. Eine Stimme tief in ihrem Innern fragte sie, ob sie träume, doch sie wusste, dass dem nicht so wahr. Das Herz hämmerte schmerzhaft gegen ihre Brust, und sie wunderte sich, wer wohl der Mann in ihren Armen sein mochte. "Wer bist du", fragte sie ihn schließlich am gleichen Abend. Er sah erst sie an und dann durch sie hindurch in die Ferne. "Wenn ich weiß, wer ich bin, muss ich gehen." Es klang wie ein Orakel. Sylvia zuckte zusammen. Der Gedanke, ihn zu verlieren, fuhr heiß und kalt zugleich in ihren Magen. "Nein", entfuhr es ihr unwillkürlich. "Geh nicht!" Die blauen Augen richteten sich auf sie. Dieses Mal war nur Schmerz und Sorge in ihnen zu lesen. "Aber ich muss!" Die Tränen rannen über ihre Wangen, ohne dass sie etwas dagegen unternehmen konnte. Er setzte sich neben sie und sah sie an, gründlich und sehr zärtlich. Dann strich er ihr behutsam übers Gesicht. Sie hob instinktiv den Kopf. Ihre Lippen begegneten sich. Sie küssten sich, als wäre es für beide das erste Mal. "Wer bist du", fragte sie ihn etwas später noch einmal, als sie nackt und eng umschlungen nebeneinander im Bett lagen. "Aber du weißt es doch", gab er ihr zur Antwort und richtete die unergründlich blauen Augen auf sie. Wusste sie es wirklich? Ihr schwindelte, weil sie die Antwort nicht kannte, und fiel in den Abgrund der tiefblauen Augen. Irgendwo in ihrem Innern lauerte eine Ahnung, doch sie weigerte sich, sie als Realität anzunehmen. Dann schlief sie ein.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, wusste sie, dass er fort war. Die graue Trainingshose und das T-Shirt, die er getragen hatte, lagen wie unbenutzt im Schrank. Das Geschirr war gespült, nur ein Handtuch benutzt. Nichts deutete auf seine Anwesenheit hin. Es schien, als hätte es die drei Tage mit ihm nie gegeben. Als hätte er nie existiert. Die Tränen stiegen in ihr hoch, als ihr Blick auf die Alpenrose auf dem Fensterbrett fiel. Über Nacht hatte sich eine zweite Blüte geöffnet und reckte ihr Antlitz dem schwachen Licht des frühen Morgens entgegen. Ein Sonnenstrahl verirrte sich ins Esszimmer, stahl sich über den Boden hin zu ihren nackten Füßen und lag warm auf ihrer Haut. Sie trat ans Fenster und sah hinaus. Nebel lag hauchzart auf dunkler, feuchter Erde, verhüllte die entlaubten Skelette der Bäume und das pastellfarbene Blau des Himmels. "Wie schön", flüsterte sie. "Wie schön ..." Sie lächelte mit Tränen in den Augen, und die Freude in ihrem Herzen schien fast ihre Brust sprengen zu wollen.

Dann sah sie ihn, eine Gestalt im fahlen Licht des Morgens, halb verdeckt durch die weißen Schlieren des Nebels. Er trug eine graue Trainingshose und ein weißes T-Shirt und stand barfuß auf dem Dach des Nachbarhauses. Als sie die Hand hob, um ihm zum Abschied zuzuwinken, hob er den Kopf, als fühle er ihre Gegenwart. Ein letztes Mal sah er sie an mit diesem fragenden Blick aus unergründlich blauen Augen, bevor der Nebel ihn endgültig verhüllte. Und ihm nachhinein schien es ihr, als hätten hinter dem Dunkel seiner Haare zwei weiße Flügel in die Watte des Nebels geragt.

(hat mir Mondrose letztes jahr mal geschickt)

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