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Date Posted: 18:55:47 05/22/03 Thu
Author: Andreas Janssen
Subject: Klaus´ Story

Das ist die Geschichte von jemandem, den ich nie richtig kennen lernte, und von dem ich doch behaupten möchte, dass er mein Freund war (der Beste von all denen, die sich Freund nannten und doch nicht mehr waren als Kameraden), auch wenn ich mich ihm gegenüber nicht als Freund erwies.
Klaus lebt nicht mehr; vor wenigen Monaten beging er Suizid, verabschiedete sich still und heimlich von einer Welt, die seine Nöte nicht sah, die seine Träume nicht verstand, nicht verstehen konnte. Ich glaube, dass es keine einzelne Person gibt, die schuld an seinem Tod ist - auch Claudia nicht, das einzige Mädchen, das Klaus mehr bedeutete als alles andere und das "nur" einer der Auslöser für seine Tat war - sondern dass wir alle, die wir uns als zivilisiert bezeichnen - auch DU, selbst wenn Du ihn gar nicht kanntest - schuld sind, weil wir verlernt haben, zu lieben und diese Liebe weiter zu geben, weil wir kalt sind, wo wir Liebe geben müssten.
Klaus war einer der wenigen Menschen, die Liebe noch leben konnten, und vielleicht traf ihn deshalb die Kälte seiner Umwelt besonders hart. Er war immer da, wo jemand Hilfe brauchte. Klaus achtete nicht auf Worte; er beobachtete die Gesten und vor allem die Blicke der Leute in seiner Umgebung, und dadurch sah er, wer Hilfe nötig hatte. Sicher, manchmal fühlten sich die anderen überrumpelt, und es kam vor, dass sie die Hilfe, die er anbot, schroff ablehnten, aber wo er konnte, half er - und wo er es nicht konnte, suchte er oft tage- oder wochenlang nach einer Lösung. Und auch das gehört zur Liebe: Zuhören können, selbst wenn der andere schweigt, aus Blicken, Gesten und Verhalten die Warnung heraus zu lesen. Wir haben es damals versäumt, und darin liegt ein Teil unserer Schuld. Aber ich möchte die ganze Geschichte erzählen.

1. Kapitel
Klaus Depaillier war 17 Jahre alt, als sie ihn mit einer Überdosis Schlaftabletten in Alt-Rhoden fanden. Obwohl er sofort in sie nächste Klinik gebracht wurde, war es zu spät. Klaus starb 20 Minuten nach der Aufnahme in die Intensivstation, ohne dass er das Bewusstsein wieder erlangte.
Wenige Tage später fanden Passanten in einem Loch der Mauer links vom Eingang der ehemaligen Kirche 3 Briefumschläge, auf denen "Familie Depaillier", "Claudia J." und mein Name standen. Es waren Klaus` Abschiedsbriefe. Meinen habe ich heute noch:


Du, Ole, ich bin zum 3. Mal abgestürzt, und alle haben geschossen, sogar Claudia, obwohl ich sie so lieb hatte. Bitte mach ihr keine Vorwürfe, sie ist nicht allein Schuld.
Schalom,
Dein Klaus!


Schalom - Friede sei mit Dir! Das traf mich damals am meisten. Klaus war immer auf der Suche nach Frieden gewesen, ob er ihn nun gefunden hat? Ich hoffe es, obwohl sein Weg alles andere als ein Ausweg ist und, trotz allem, auch für ihn war. Als ich in einer ähnlichen Situation steckte, schenkte Klaus mir einen Spruch, der auch heute noch an meiner Zimmerwand hängt:

Wer sein Leben wegwirft, hat es gar nicht erst bekommen!

Wie mag es in Klaus ausgesehen haben, dass er, obwohl er das erkannte, sein Leben wegwarf? Ich verstehe das nicht, verstehe nicht, warum Klaus so lange, wie ich ihn kannte, eine Maske trug, durch die man nicht hindurch sehen konnte, die alles abblockte.
Aber hinterher nach dem Warum zu fragen, nützt denen, die versäumten, die Hand zur Hilfe auszustrecken, gar nichts. Von uns hielt niemand Klaus die Hand hin. Und zu sagen: "Der hätte sich ja doch nicht helfen lassen!" ist eine schwache Ausrede, die sehr, sehr fadenscheinig wirkt, und nur dem Zweck dient, das Gewissen einzuschläfern, das einem keine Ruhe lässt.
Doch ich möchte von vorne anfangen, von der Zeit, als ich Klaus kennen lernte, der, obwohl ich ihn zunächst für einen Spinner hielt, bald mein Freund wurde. Die, die Klaus kannten, werden verstehen, warum das so war - und wenn sie unsere Freundschaft kannten, wissen sie, warum ich diese Geschichte schreibe, schreiben muss: Nicht, um jemanden anzuschwärzen, sondern um euch allen zu zeigen, was Lieblosigkeit ist - ja, und weil ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die so sind, wie Klaus es war. Ich will euch zurufen: Habt Acht auf diese Menschen! Eine "Klaus` Story" ist meiner Meinung nach schon eine zuviel. Und auch wenn Claudia oder Klaus` Eltern schlecht in dieser Geschichte weg kommen sollten, denkt immer daran: IHR SEID MITSCHULDIG! Auch bei euch gibt es einen Klaus.

2. Kapitel
Das erste Mal, dass ich Klaus traf, war in der "AG Jugendraum". Wir (alle Jugendlichen, die Interesse hatten) hatten uns zusammengetan, um zu beratschlagen, was wir tun wollten, damit wir endlich einen Jugendraum bekamen. Irgendwann gegen Ende 1980 kam Klaus, und setzte sich zu uns, als ob er nur ein paar Wochen auf Urlaub gewesen wäre und nun wieder hier sei. Innerhalb von wenigen Minuten führte er eine heiße Diskussion über all unsere Ideen. Ich hielt ihn für einen unheimlichen Angeber, aber trotzdem nötigte seine Art mir Respekt ab, denn er war irgendwie anders. Was er sagte, schien wohl durchdacht und einfacher organisierbar als all unsere Ideen. Statt alles mit Gewalt durchzusetzen durch Demos und Blockaden, durch aktiven und passiven Druck, wie wir es vorhatten, schlug er richtige Aktionen vor, die unser Image verbessern und die Stadtverwaltung vor den Bürgern in Zugzwang bringen sollten (und taten!). Innerhalb von 20 Minuten schaffte er es, uns von der "harten" auf die "sanfte" Gewalt umdenken zu lehren.
Endlich lief mal was! Zu Beginn der nächsten Woche kam Klaus dann auch an unsere Schule, in eine Parallelklasse von mir. In der Pause begegnete er mir auf dem Schulhof, und als ob er mich gesucht hätte, lud er mich zu sich nach Hause ein. Beim Kaffeetrinken waren wir zu fünft: Thomas, der auch zu unserer Gruppe gehörte; Silke, von der ich damals nicht verstand, warum Klaus sie einlud, denn Silke fiel normalerweise gar nicht auf; Claudia (von der ihr später mehr erfahren werdet), Klaus und ich. Alles in allem war es ein bunt gemischter Haufen von den unterschiedlichsten Leuten, die es in der Jugend gab. Aber vielleicht war es gerade das, was Klaus wollte: Sehen, wo die Grenzen lagen, um dann sämtliche Grenzen zu sprengen. Und darin lag Klaus` eigentliche Stärke: Er dehnte die Grenzen so weit, dass sich keiner von uns fünfen am anderen stieß und keine Spannungen auftraten. Irgendwie war es, als ob er uns alle besser kennen würde als wir uns selbst. Und auch das gehört zum Lebensstil "Liebe": Grenzen so weit ignorieren zu können, bis sie sich auflösen.
Ich erinnere mich an ein Poster, das an seiner Zimmerwand hing. Es zeigte die Länder der ganzen Welt. Die Grenzen zwischen diesen Ländern aber waren aus Blumen, aus kleinen weißen Blumen. Vielleicht konnte Klaus die Mauern, die zwischen Menschen oft bestanden, ebenfalls in Blumen verwandeln. Meistens schien es so, als könne er es. Bei uns hat er es geschafft. Die Runde wurde zu einer festen Einrichtung, die bis zu Silkes schwerem Autounfall bestehen blieb.

3. Kapitel
Aber auch in unserem Ort gehörte Klaus bald zum täglichen Erscheinungsbild. Nicht, dass er irgendeine Führungspersönlichkeit war, oh nein, das war er wirklich nicht, ganz im Gegenteil: Viele mochten ihn nicht und versuchten, ihm das Leben schwer zu machen - aber niemals schaffte es jemand, dass er länger als 10 Minuten nicht lächelte oder lachte. Überhaupt, dieses Lächeln gehörte zu Klaus` Persönlichkeit, genauso wie seine langen Haare und das weiße Stirnband, das er überall trug, wo er hinkam. Es war nicht arrogant, oder mitleidig, es war - na ja, es war eben Klaus` Lächeln, das man genauso wenig beschreiben kann, wie Klaus selbst oder unsere Freundschaft, weil das alles Sachen sind, für die es in unserer Sprache keine Worte gibt - oder höchstens Worte, die das Eigentliche nicht treffen. Und auch wenn sie Klaus verprügelten - er streckte dem, der ihn schlug jederzeit die Hand zur Hilfe entgegen. Irgendwie verstand das damals niemand von uns, seine Haltung erschien uns weltfremd - bis wir von ihm lernten, dass Liebe Menschen tatsächlich zu ändern vermag. Aber keiner von uns war bereit, die Liebe weiter zu geben, und erst als es zu spät war, sahen wir, wie nötig - ja, wie lebenswichtig Liebe ist.
In der Schule gehörte Klaus auch nicht gerade zu den Besten, doch er selbst schien mit seinen Leistungen immer zufrieden zu sein. Wenn wir konnten, trafen wir uns bei ihm oder bei mir zu Hause. Inzwischen waren wir die besten Freunde geworden, und auch wenn Klaus nicht viel von sich erzählte, konnte ich doch nach und nach einiges erfahren. Nur das wichtigste übersah ich: Dass an Klaus nicht all das, was passierte, wirklich abprallte, sondern dass es ihn mitnahm, wenn er angegriffen wurde, wenn sie ihn beschossen.
Für Klaus rückten sie Sommerferien bedrohlich näher, weil er nach den Ferien im Management einer großen Baufirma bei uns in der Gegend anfangen sollte. Für ihn musste das der Todesstoß all seiner Träume sein, denn ein "Papiertiger" zu werden, gefiel ihm natürlich gar nicht. Klaus wollte etwas mit den Händen tun, am liebsten Schreiner lernen, um dann als Entwicklungshelfer in die 3. Welt zu gehen. Aber da er die Realschule besucht hatte, wollte seine Mutter, dass aus ihm etwas "Besseres" werden sollte.
Über seine Familie sprach Klaus selten, eigentlich gar nicht. Seine Eltern waren geschieden, und er lebte zusammen mit seinen Geschwistern bei der Mutter. Klaus verstand sich mit ihr nicht gut - vielleicht war das der Grund, warum er oft allein durch die Felder und Wälder um Alt-Rhoden strich. Hier saß er oft und schrieb seine Gedanken und Träume auf. Ja, Klaus schrieb Gedichte, und ich verstehe nicht, warum er sie nie an einen Verlag schickte, denn seine Stücke waren gut, besser als so manches, was ich bis dahin gelesen hatte. An eines seiner Stücke erinnere ich noch besonders gut, wohl weil es mich persönlich sehr traf, aber sicher auch, weil Klaus sich in seinem Abschiedsbrief an mich darauf bezog, als er vom Absturz sprach:


Ihr dachtet, ihr könntet mir die Flügel stutzen, verhindern, dass ich fliege.
Ich stieg auf, und stürzte mit eurer Hilfe wieder ab. Wieder stieg ich auf, und wieder stürzte ich ab.
Ihr tatet alles, um mir das Fliegen unmöglich zu machen, arbeitetet mit Verrat und Lüge.
Doch ich ließ mich nicht abhalten:
Ich stieg auf, und blieb oben.
Ihr wisst, dass der nächste Absturz tödlich sein wird.
Deshalb:
Lasst mich fliegen!


Heute überlege ich, wie wir uns alle angestrengt haben, um diesen Satz, diese flehende Bitte zu überhören. Wie hatte Klaus es formuliert?: Alle haben geschossen...! Klaus ist abgestürzt, und mit ihm wohl eines der letzten Fragmente der menschlichen Liebe, der Nächstenliebe.

4. Kapitel
Im Mai letzten Jahres erreichte uns die schwerste Nachricht, seit wir zusammen waren: Auf dem Nachhauseweg von Wuppertal, wo ihre Schwester wohnte, war Silke mit ihren Eltern verunglückt. Sie wurde sofort per Hubschrauber in die Uni-Klinik nach Göttingen geflogen, wo die Ärzte ihren Zustand als "nahezu hoffnungslos" bezeichneten. Mehrere Monate lag sie im Koma; erst ungefähr 3 Wochen nach Klaus` Tod wachte sie auf.
Klaus muss ihr Unfall besonders getroffen haben, weil er sie lieb hatte. Irgendwie hatte er von Anfang an gemerkt, dass sie Schutz nötig hatte. Fast jeden Tag rief er in Göttingen an, nur um zu erfahren, wie es ihr ging, und jeden Tag hörte er nur: "Nichts Neues!" Unser Tee-Treff wurde bis Silkes Genesung aufgelöst - weil Klaus es so wollte. Seit dem Unfall hatte bei ihm einiges geändert. So fing er an zu trinken. Gleichzeitig hielt er mehr denn je die Augen offen, wenn er sah, dass da mal jemand war, der seine Hilfe benötigte. Aber er wurde auch in sich gekehrter, strolchte wie ein einsamer Wolf durch die Gegend um Rhoden. Und er wurde schweigsam, sagte kaum noch ein Wort. So ging das, bis dann die Sommerferien anfingen.
Ich sah Klaus selten, eigentlich gar nicht mehr, weil ich bei uns im Wald jobbte. Sicher, wir sahen uns auf der Straße oder in der Jugendgruppe, aber über ein "Hallo, wie geht`s? - Ja, ganz gut!" kam unser Gespräch nicht hinaus. Natürlich könnte ich sagen, dass auch ich damals Probleme hatte, dass mit Heike nichts lief, dass mir die Lehre, die vor mir lag, ebenfalls stank, aber das alles wären billige Ausreden, Entschuldigungen, die verschleiern sollten, und nicht konnten, dass ich da nicht Liebe lebte. Denn auch das ist meiner Meinung nach ein Zeichen für Lieblosigkeit: Sich selbst wichtiger zu nehmen als den anderen, sich nur um die eigenen Probleme drehen. Und dafür gibt es keine Entschuldigung, keine Ausrede, die es schafft, das Gewissen zu beruhigen.
Irgendwann dann einmal, so gegen Ende Juni, saßen wir beide abends bei einer Flasche Wein auf der Schlossmauer zusammen und unterhielten uns über alles Mögliche, philosophierten ein wenig. Ich weiß nicht, wie wir auf das Thema kamen, aber irgendwann fiel mir auf, dass Klaus sich verändert hatte. Jedes mal, wenn die Rede auf Claudia kam, fingen seine Augen an zu leuchten. Obwohl ich schon einiges getrunken hatte, sah ich, dass auch sein Verhalten anders war als sonst. "Tja, mon ami, " lachte ich, "du bist verliebt, und zwar mächtig!" Er lachte zunächst mit, dann wurde er plötzlich ernst: "Verliebt? Ich weiß nicht. Ich habe Claudia echt gerne, aber ob das verliebt sein ist? Und außerdem, ich hab doch eh keine Chance!" Ich sah ihn an. Meinte er das ernst? Na ja, es war schon eine komische Vorstellung, die beiden als ein Paar. Da war Klaus, der Revoluzzer, der versuchte, das zu ändern, was ihm nicht passte, und da war Claudia, die in Diskussionen eher still blieb, weil sie Angst hatte, ihre Meinung zu vertreten. Außerdem glich Klaus in seiner Kluft eher den Blumenkindern, während Claudia echt schnieke aussah. Aber ich nahm das Ganze nicht so ernst, hielt es für eine Schwärmerei, wie auch ich sie hin und wieder durchmachte. Und dabei übersah ich, dass Klaus regelrecht abhängig war von Claudia, dass es bei ihm - so doof es auch klingt, - eine verzehrende Liebe war, die nur das entweder - oder kennt, und keinen Zwischenweg offen lässt. Im Endeffekt konnte das nicht gut gehen, weil sich Klaus viel zu abhängig von Claudia machte und doch gleichzeitig Claudia an sich binden wollte.

5. Kapitel
Ja, kurz danach fuhr ich nach Duisburg, und als ich zurückkam, fing die Arbeit an. Da Klaus in einem anderen Ort arbeitete, brach der Kontakt zwangsläufig ab. Ich weiß nicht genau, was in der Zeit zwischen unserem Gespräch auf der Schlossmauer und Klaus` Suizid passierte, aber ich kann es aus Klaus` Sicht wiedergeben, durch Passagen aus seinem Tagebuch, das ich an seinem Todestag bekam. Zuvor aber möchte ich eine der ersten Passagen aufschreiben, die mir Klaus` Mentalität begreifbar machten.


Essen, 20.5.1979
Ich habe Anette heute gesagt, dass ich in sie verliebt bin. Sie hat zunächst gar nichts gesagt, kam dann aber heute Nachmittag vorbei und brachte mir einen Briefumschlag, in dem ein Text stand, der mir sehr zu denken gibt:


Könnte ich alle Sprachen der Menschen oder sogar der Engel sprechen, hätte aber keine Liebe, wäre ich wie eine laute Glocke, oder eine lärmende Schelle. Alles, was ich könnte, wäre nichts, wenn ich keine Liebe hätte. Die Liebe ist geduldig und freundlich, sie regt sich nicht auf und spielt nicht mit Menschen, sie gibt nicht an.
Die Liebe stellt sich nicht wegen Kleinigkeiten an, versucht nicht, zu bekommen, was sie will. Sie lässt sich nicht ärgern, sie übersieht das Böse, was man ihr antut.
Die Liebe freut sich nicht, wenn der andere etwas falsch macht, sie freut sich aber, wen er das Richtige tut.
Die Liebe verträgt alles, glaubt alles, hofft alles und duldet alles. Die Liebe hört niemals auf.


Sie hat keinen Kommentar dazu geschrieben, aber sie hat erreicht, was sie erreichen wollte. Ich bin nachdenklich geworden. Ich will versuchen, dass ich diese Liebe, die kein Gefühl, sondern ein Lebensstil ist, lebe, obwohl ich glaube, dass ich das letztendlich nicht schaffen kann.

Ich glaube, dass diese Eintragung am besten wiedergibt, warum Klaus so lebte, wie er lebte. Und gleichzeitig wird klar, dass Klaus in letzter Instanz an dieser Liebesauffassung gescheitert ist, weil er all sie Liebe, die er hatte, verschenkte, ohne dass er die Möglichkeit sah, von irgend jemandem Liebe entgegen zu nehmen, weil niemand von uns ihm Liebe anbot. Aber ich möchte zurück zu den Geschehnissen kommen.

Rhoden, 7.7.1981
Heute habe ich endlich den Mut gefasst, Claudia einen Brief zu schreiben, in dem ich ihr sage, dass ich in sie verliebt bin, und dass ich sie brauche. Ich hoffe, dass sie antwortet, auch wenn ich Angst habe, dass sie mich nicht liebt! ... Ich bin dieses Herumgetapse in der Finsternis endgültig leid, und ich halte es für besser, dass ich endlich Klarheit habe, auch wenn es wehtun sollte!


Nun, Klaus wartete fast eine Woche, bis er eine Antwort bekam. In seinem Tagebuch findet sich der Satz:

... Ich habe noch immer keine Antwort von Claudia. Mensch, ich hab so eine Angst, dass sie gar nicht antwortet....

Klaus saß wie auf glühenden Kohlen. Mit seiner Familie kam es wohl gerade in dieser Zeit andauernd zu Krach. Offenbar war Klaus völlig fertig, als dann doch noch ein Brief von Claudia kam. Klaus schrieb an diesem Abend:


Rhoden, 16.7.1981
Mensch, ich bin total aufgedreht. Claudia hat mir geschrieben! Sie liebt mich! Ich kann es noch gar nicht richtig fassen! Mir ist, als stände ich unter Dope! Jetzt ist mir alles egal, Claudia liebt mich!!!!!

Am nächsten Tag war Klaus dann mit Claudia zusammen. Bis zum Abend saßen sie auf seiner Bude zusammen, unterhielten sich, erzählten voneinander. Die ganze nächste Zeit sah man keinen der beiden ohne den anderen. Arm in Arm gingen sie durch Rhoden, saßen in der Jugendgruppe oder im Schlosspark auf der Wiese. Aber bald waren die Ferien zu Ende, und die beiden konnten sich nur noch abends sehen, weil Claudia in Warburg, Klaus aber in Diemelsee arbeitete.
Die Arbeit gefiel Klaus noch weniger, als er es sich vorgestellt hatte. Zu den Arbeitskollegen fand er keinen Kontakt, und die Arbeit war für ihn irgendwie uninteressant. Schon morgens sah er auf die Uhr, um zu sehen, wann Feierabend war. Nur der Gedanke an Claudia hielt ihn noch aufrecht. In sein Tagebuch schrieb er:


... Ich wüsste nicht, was ich ohne Claudia auf dieser Welt noch tun sollte. Die Erde wäre leer und sinnlos, wenn es sie nicht gäbe!

Auch mit seiner Mutter hatte Klaus jetzt öfter Streit, sei es wegen seiner Kleidung, seiner Freizeit oder dem Geld, das er verdiente. Andauernd schrieen sie sich an. Immer später kam Klaus nach Hause, manchmal - am Wochenende - blieb er die Nacht über weg. Dann streifte er durch Rhoden, oder saß mit Claudia bis in den Morgen an der Heidehütte. Klaus genügte es, mit ihr zusammen zu sein; über die üblichen Küsse ging er nicht hinaus, weil Claudia für ihn mehr war als ein Sexobjekt. Claudia half ihm hoch, wenn er traurig war, tröstete ihn, wenn er zu Hause wieder Ärger hatte, und sie hörte ihm zu.
Dann kam der 4. September 1981. an diesem Tag kam es zum großen Knall. Klaus schrieb in sein Tagebuch:


Es ist aus! Claudia hat mir heute einen Brief geschrieben, in dem sie mir sagt, dass die Zeit mit mir sehr schön war; dass sie aber mehr als nur Händchenhalten und Küssen wollte. Sie hat sich in einen Kollegen, einen Arzt vom Krankenhaus, verliebt. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, es ist, als sei ein Teil von mir gestorben. Es tut so weh, dass ich den ganzen Abend hier sitze, und am Heulen bin. Sie schreibt, ich solle sie vergessen, aber wie kann ich das? Aber es geht weiter, es muss weiter gehen. Ich fühle mich so leer! ...

Es ging nicht weiter. Klaus fehlte an den nächsten Tagen auf der Arbeit, ohne dass seine Mutter es wusste. Als sie ihn zur Rede stellte, lief er aus dem Haus. In der Nacht kam er betrunken heim, und wollte rein, doch seine Mutter warf ihn raus. Klaus schlief in einer Gartenlaube.
Am nächsten Morgen kam er zu spät zur Arbeit, wo ihn alles "anödete", wie er schrieb. Zu Hause bekam er Ärger, weil er betrunken war. Zwei Tage später sah er keinen Ausweg mehr. In sein Tagebuch schrieb er:


Da ist kein Sinn mehr. Dies ist meine letzte Eintragung. Ich werde gleich nach Alt-Rhoden gehen, dort eine Flasche Korn leeren und danach eine Packung Valium schlucken. Ohne Claudia halte ich diesen Scheiß hier nicht mehr aus.
Klaus Depaillier


6. Kapitel
Als ich an diesem Abend nach Hause kam, meinte meine Mutter zu mir: "Du, der Klaus war da, der hat ein Buch für dich abgegeben. Es liegt am Telefon." Ich war ziemlich verwundert. Nachdenklich schlug ich es auf. Ich hatte es falsch herum gehalten, deshalb sah ich die letzte Seite zuerst. Ich wollte das Buch schon umdrehen, da las ich den Text - und erschrak. Ich konnte zunächst nicht glauben, nicht verstehen, was da stand. Klaus, mein Freund Klaus, den ich immer bewunderte, weil er so stark war, obwohl er so schwach schien, der immer und überall eine Lösung hatte - und nun so etwas? Ich konnte es nicht verstehen, sah nicht, warum Klaus so etwas tun wollte. Aber Klaus war nicht der Typ, der leere Worte machte. Blitzschnell lief ich hinaus, sprang auf mein Fahrrad und fuhr nach Alt-Rhoden. Ich weiß nicht, wie ich mich durch den dichten Feierabendverkehr schlängelte. Tränen liefen mir über die Wangen, in den Kragen, doch ich achtete nicht darauf, ich hoffte nur, noch rechtzeitig anzukommen.
Schon von weitem sah ich das Blaulicht durch die Bäume blinken. Ich kam an, als sie die Türen schlossen. Klaus` Mutter war auch da. Wir stiegen gemeinsam in den Krankenwagen ein, dann ging es auch schon mit Blaulicht und Sirene nach Arolsen. Von der Strecke sah ich gar nichts, ich hörte Klaus` Mutter neben mir weinen und dachte sie ganze Zeit: "Bitte stirb nicht, Klaus, bitte nicht!" Im Krankenhaus brachten sie Klaus sofort auf sie Intensivstation. Während wir draußen standen und eine Zigarette nach der anderen rauchten, kämpften die Ärzte drinnen um sein Leben. Nach 20 Minuten kam der Oberarzt heraus: "Es tut mir leid, aber ..." Klaus` Mutter stieß einen leisen Schrei aus, dann fiel sie in Ohnmacht.
Zu Klaus` Beerdigung kamen fast alle Jugendlichen aus dem Ort - selbst die, die immer Streit mit ihm suchten. Der Pfarrer hielt keine lange Ansprache - was soll die Kirche zum Suizid eines Jugendlichen schon sagen? An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr, ich weiß nur noch, dass fast alle weinten - auch Claudia.
Was weiter geschah? Nun, Silke wachte 3 Wochen nach Klaus` Tod aus dem Koma auf. Inzwischen ist sie wieder zu Hause. Aber sie ist noch stiller als vorher. Oft sitzen wir beide zusammen, schweigen einfach nur oder denken gemeinsam an die Zeit zurück, als wir fünf uns bei Klaus trafen. Hin und wieder nehme ich auch Klaus` Gedichte hervor, die alle in seinem Tagebuch stehen, und dann unterhalten wir uns, was er wohl mit diesem oder jenem Text gemeint haben mag. Oft ist auch Thomas dabei. Die beiden (Silke und Thomas meine ich) haben sich ineinander verliebt, und sie passen gut zusammen, finde ich. Ich habe ihnen den Text gegeben, den Anette einst Klaus schenkte.
Tja, Klaus` Familie wohnt wieder in Essen, Klaus` Mutter konnte es hier nicht mehr ertragen.
Und Claudia? Auch sie ist bald nach Klaus` Tod weg gezogen, nach Warburg, wo sie auch arbeitet. Die Sache mit dem Arzt war schnell vorbei. Letzte Tage traf ich sie in Warburg, sie sah sehr traurig aus. Wir saßen zusammen auf ihrem Zimmer, und dann zeigte sie mir den Brief, den Klaus ihr geschrieben hatte, bevor er starb:


Wenn Liebe für dich nur ein Wort ist, um mit mir zu spielen, dann lass es lieber sein und bring mich direkt um. Denn so ein Tod ist besser, als wenn ich in Deinem Spiel langsam und qualvoll verrecke. Für wen Liebe nur ein Wort ist, um mit Menschen zu spielen, der muss sich nicht wundern, wenn er aufwacht und feststellt, dass ihn niemand mehr liebt.

Ich wünsche euch beiden viel Glück. Mach dir bitte keine Vorwürfe, ich bringe mich nicht wegen dir um, sondern weil ich keinen anderen Weg mehr sehe. Denk mal über diesen Text und über 1. Korinther 13 (Bibel) nach, da steht viel über Liebe.
Klaus


Sie hielt mir eine aufgeschlagene Bibel hin. Ich las:
Könnte ich alle Sprachen der Menschen oder sogar der Engel sprechen...

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