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Date Posted: 05:12:33 02/01/10 Mon
Author: tony
Subject: Ilias und Gilgamesch identisch?
In reply to: tony 's message, "Göbekli Tepe 11.500 Jahren die älteste derzeit bekannte Tempelanlage" on 06:50:36 03/10/09 Tue


Ilias
Homers Geheimnis ist gelüftet

Von Raoul Schrott
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Neuer Blick auf Homer

Neuer Blick auf Homer

22. Dezember 2007 Homers Ilias übersetzen? Dieses über fünfzehntausend Verse umfassende Schlachtengemälde, das durch so viel deutschklassischen Firnis verdunkelt ist, dass man auf massive Entrüstungen stieße, wollte man es mit zeitgenössischen Farben restaurieren? Doch dann nahm ich die Auftragsarbeit des Hessischen Rundfunks trotzdem an, erbat mir aber - wie schon beim Gilgamesh - die gestrengsten Gräzisten als Korrekturleser.

Nach zwei Jahren täglichem Dienst an der Lanze eine erste Fassung einmal beendet und der Schwerthiebe des Lektorats harrend, fehlte nur noch ein Vorwort, um wieder meinen eigenen Streitwagen besteigen zu können. Das sollte so kurz wie gründlich ausfallen - worauf ich mich an die Recherchen dazu machte: und ein geschlagenes Jahr später immer noch am Schreibtisch saß.
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Von Homer weiß man nur eines: nichts
Die Ruinen der Hierapolis Kastabala

Die Ruinen der Hierapolis Kastabala

Und das, obwohl man von Homer nur eines weiß: nämlich nichts. Einig ist sich die Fachwelt bloß, dass an den Jahrhunderte später entstandenen biographischen Legenden - denen zufolge er ein blinder Sänger war, der aus einer der griechischen Kolonien im Westen Kleinasiens stammte - ebenso wenig Wahres dran ist wie an den gewundenen Deutungsversuchen, die die Herkunft seines im alten Griechenland völlig untypischen Namens zu erklären suchten.

Und was weiß man über die Ilias? Etwas mehr, doch immer noch wenig. Es ist bekannt, dass sie in vielen Anspielungen auf die - leider nur mehr in Inhaltsangaben erhaltenen - Kypria Bezug nimmt, in denen die Vorgeschichte des Troianischen Krieges ausgebreitet wird: wobei ein breiterer Konsens darüber besteht, dass diese Erzählungen auf Zypern kursierende Stoffe wiedergaben. Zunehmend weniger umstritten ist ebenfalls, dass man es bei der Ilias bereits mit einem Text aus einem Guss zu tun hat (Tausende von Papyrusfunden zeigen keine Varianten, wie sie für eine lange Überlieferungszeit typisch sein würden) und aufgrund einer ganzen Reihe von Indizien die Niederschrift des Epos nun nicht mehr im achten Jahrhundert, sondern um 660 vor Christus angesetzt werden muss.

Homers Epos nicht wie einen Baedeker lesen
Zum Thema

* Homer und seine „Ilias“ in völlig neuem Licht

Dank der Bilanz des vor wenigen Jahren im Feuilleton der F.A.Z. ausgetragenen Streits um Troia kann inzwischen bei unserem Epos auch keine Rede mehr davon sein, dass sich darin ein Wissen um das historische Troia erhalten hätte, das zu Homers Zeit gänzlich bedeutungslos geworden war. Denn mit Ausnahme eines Königsnamens - Aleksandu - spiegelt sich von den dokumentierten Auseinandersetzungen zwischen Achaiern und Hethitern vor 1200 nichts in der Handlung des Epos wider: Letztere tauchen darin ebenso wenig auf, wie die Ausgrabungen in Troia Homers Beschreibungen davon bestätigen würden.

Obwohl Homer unzweifelhaft über die ungefähre Lage Troias Bescheid wusste, dürfe man sein Epos nicht wie einen Baedeker lesen, meinte einer der Archäologen, der mich liebenswürdigerweise auf diesem anderwärtig höchst aufschlussreichen Gelände herumführte. Das war noch milde formuliert: Der gemütlich runde Ida im Osten zum Beispiel hatte keine Ähnlichkeit mit jenem Gebirge, das die Ilias als Revier von Wildtieren mit vielen Gipfeln und vorgelagerten Tälern bezeichnet. Am schmalen Strand von Besike im Westen, dem archäologisch gesicherten Hafen Troias, ließen sich höchstens zwölf, niemals aber die 1200 griechischen Schiffe an Land ziehen und im Sumpf davor auch kein Wehrlager aufbauen - das das Epos zudem im Norden situiert. Das Rinnsal des Dümrek wiederum sollte der Bergfluss Simoeis sein, der alles mit Muren zuschüttet? Und das Bächlein des Karamendres jener reißend tiefe und wirbelnd breite Skamandros, den zu überqueren es einer heißumkämpften Furt bedurfte? Durch welche die Troer in ihre Stadt zurückgejagt werden - wo sie der gegebenen Topographie zufolge dabei bloß im Meer landen würden?

Nur einige von zahllosen Ungereimtheiten

Das sind nur einige von zahllosen Ungereimtheiten, die sich auch an dem Dogma feststellen lassen, wonach Homer uns in seinem Epos Hexameter aus uralten mykenischen Zeiten tradiert hat. Obwohl die Anthropologie zeigt, dass solche Überlieferungsstränge schon nach wenigen Generationen überformt werden, obwohl die improvisierten Gesänge der serbischen Rhapsoden - deren Versifizierungstechnik zu dieser Lehrmeinung geführt hat - weit hinter den poetischen Qualitäten der Ilias zurückfallen und obwohl Homers Formelsprache deutliche Entsprechungen in den altorientalischen Schriftepen findet, fällt es eben schwer, sich von der liebgewonnenen Idee eines rein aus dem Gedächtnis arbeitenden Sängers zu lösen. Auch ich gehörte lange zu den Anhängern dieser These - welchem Dichter käme ein solches Argument pro domo nicht gelegen, das die beständig in Frage gezogene Nützlichkeit seiner Tätigkeit durch ein derart imposantes Werk legitimiert, das anscheinend das über viele Jahrhunderte mündlich weitergegebene Wissen einer längst verschollenen Kultur festhielt?
Ein Modell der Festungsanlage, die Homer als Vorbild für seine Beschreibung von Troja diente. Es befindet sich im Museum von Karatepe.

Ein Modell der Festungsanlage, die Homer als Vorbild für seine Beschreibung von Troja diente. Es befindet sich im Museum von Karatepe.

Die Übersetzungsarbeit belehrte mich eines Besseren. Ich merkte bald, dass ich es mit einem Text zu tun hatte, dessen Komplexitäten sich weniger beim Zuhören denn beim Lesen erschließen, und dass dieser Text wiederum auf anderen Texten basierte - allen voran dem Nationalepos des Ostens, dem Gilgamesh. Die vielen detaillierten Anspielungen darauf gehen weit über eine bloß diffuse Kenntnis dieses Stoffes hinaus - wobei sich nicht einmal hierfür ein mündlicher Schleichweg annehmen ließe, weil nirgendwo eine öffentliche Aufführungspraxis des Gilgamesh belegbar ist und sich dieses Epos zudem gerade zu Homers Epoche in einer neuen schriftlichen Fassung in Umlauf befand.

Die einfachsten Fragen sind immer am schwersten zu beantworten

Da allein die homerischen Epen Anleihen beim Gilgamesh nehmen und sich in der erhaltenen Literatur der Antike überdies keine einzige übersetzte Zeile daraus findet, drängte sich natürlich die Frage auf, wie Homer zu seiner Kenntnis des Assyrischen gelangt war und wo er diese Keilschrifttafeln in die Hände bekommen hatte. Dabei war die Abhängigkeit der Ilias vom Gilgamesh schon seit den fünfziger Jahren bekannt. Nicht genug damit: Der große Homer-Kenner Martin West hatte seitdem ein ganzes Kompendium zusammengestellt, das auch Parallelen zu anderen assyrischen Texten auflistete, nebst einer Vielzahl von Stellen, die Gemeinsamkeiten mit alten hurritisch-hethitischen Mythen und dem Alten Testament aufweisen. Sie waren mitverantwortlich für seine Datierung unseres Epos auf die Zeit um 660 vor Christus, die sich auch auf die Arbeiten des vielseitigen Gelehrten Walter Burkert stützte - welcher deshalb in Homer einen Sänger sah, der das Wissen darüber in einer aramäischen Schule erworben hatte. Doch wo? Und was hatte ein Grieche dort zu suchen?
Raoul Schrott, Jahrgang 1964, hat sich nicht nur mit seinen Romanen und Gedichtbänden einen Namen als einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation gemacht, sondern auch mit Entdeckungen und Ausgrabungen.

Raoul Schrott, Jahrgang 1964, hat sich nicht nur mit seinen Romanen und Gedichtbänden einen Namen als einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation gemacht, sondern auch mit Entdeckungen und Ausgrabungen.

Die einfachsten Fragen sind immer am schwersten zu beantworten - es sei denn, man weiß, wen man fragen kann. Eine erste Antwort gab mir jedenfalls der Innsbrucker Althistoriker und Assyriologe Robert Rollinger, der bereits meine Fassung des Gilgamesh betreut hatte. Er meinte, ich sollte mir doch einmal Kilikien näher ansehen - dort hätten sich all die genannten Kulturkreise zu Homers Zeit überschnitten. Wo das denn liege, fragte ich zurück. Im Süden der Türkei mit seinen Gebirgen und dem Tiefland rund um das heutige Adana, also diesseits von Zypern, sagte er und malte mir eine Skizze auf eine Papierserviette. Und noch ein Tipp: Die Kiliker bezeichneten sich schon vor Homers Zeit mit jenen zwei Namen, die auch die Ilias vorzugsweise für ihre Griechen verwendet - Achaier und Danaer. Was in dieser Austauschbarkeit nicht einmal für das griechische Festland nachweisbar ist.

Auf die richtige Fährte gesetzt

Damit hatte er mich auf die richtige Fährte gesetzt, und ich wurde schnell fündig. Was heißt fündig? Ein wenig zu graben genügte, und schon kamen - egal auf welcher Ebene des Epos - überall Umrisse der Ilias zum Vorschein; und je tiefer ich mich durch ganze Festmeter an Fachliteratur wühlte, desto großflächiger traten schließlich ihre Grundmauern zutage. Über Monate hinweg erfasste mich so eine Begeisterung, die schwer zu beschreiben ist: als wäre das jahrtausendealte Rätsel Homer nun wirklich zu lösen.

Wobei die gleichzeitig einsetzende Skepsis immer größer wurde. Dass ich auf eine solche Fülle von kilikischen Querverweisen in der Ilias stoßen konnte, kam mir so dubios vor wie die nächste esoterische Atlantis-Theorie - so dass ich bis zum Schluss auf jenes eine Detail wartete, das mir die Irrigkeit meiner Verortungen demonstrierte: ohne es bis dato zu finden. Lust, mich mit den Fachgelehrten anzulegen, verspürte ich nicht die geringste - wozu in ein Wespennest stoßen? Andererseits aber war ich mit all diesen unterschiedlichen Quellen ganz auf meinem Gebiet: Als Komparatist ist man auch damit beschäftigt, Erkenntnisse so unterschiedlicher Disziplinen wie der Gräzistik, Assyriologie, Hethitologie oder Archäologie zu einem literarischen Werk in Bezug zu setzen. Und als Dichter weiß man darüber Bescheid, wie man zu dem Material für seinen Text kommt und was man damit dann alles anstellen kann . . .

Fließende Grenzen zwischen Fakten und Spekulation

Gewiss, die Grenzen zwischen Fakten und Spekulationen sind fließend, nicht zuletzt, weil wir es einerseits bei unserem Epos ja mit Fiktion zu tun haben und die Althistoriker andererseits nur selten über eindeutig zu interpretierende Daten verfügen. Was ich jedoch anbieten kann, ist das, was man kumulative Evidenz nennt: Hunderte von Mosaiksteinen, die ein geschlossenes Bild ergeben. Und das umso mehr, als das Einzige, was man dagegenzuhalten vermöchte, bloß auf einer Konjektur von zwei Textstellen beruht: der Prophezeiung in der Ilias, der zufolge Aineias nach dem Tod Priamos' über Troia herrschen würde, sowie einer sechshundert Jahre späteren Bemerkung Strabons, in der er von einem Herrschergeschlecht von Aineiden in der Troas gehört haben wollte - was genügte, um Homer bislang für ihren Hofdichter zu halten.

Die Fragen, die meine kilikische These deshalb aufwirft, sind Legion. Soweit ich es vermag, habe ich sie in einem Buch zur Diskussion zu stellen und zu klären versucht. Was sich dort zusammengetragen findet, lässt sich auf diesen Seiten natürlich kaum zusammenfassen. Indes kann ich hier ein paar Schlaglichter auf Homer und seine Ilias werfen, die sie aus einem völlig anderen Hintergrund hervorheben - der zudem erst in jüngster Zeit wissenschaftlich beackert wurde: was erklären mag, weshalb die Bezüge von Homers Epos darauf nicht früher offensichtlich wurden.

Text: F.A.Z., 22.12.2007, Nr. 298 / Seite Z1
Bildmaterial: Raoul Schrott


http://www.faz.net/s/Rub4521147CD87A4D9390DA8578416FA2EC/Doc~E1921659A77D44B2AB44EB3B6F7BBE1F5~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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