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Date Posted: 20:30:35 01/21/04 Wed
Author: Soulcall
Subject: Flug in die Ewigkeit

Wie so oft saß Ivana an ihrem PC. Der Besuch beim Arzt war wieder mal vergebens gewesen, er hatte erneut nicht herausfinden können, woher Ivanas Hustenanfälle, zwischenzeitlich auch oft blutig, herkamen. Heute hatte er Ultraschall und Röntgenuntersuchung gemacht.
Die junge Frau seufzte.
"Da bin ich gerade mal 16 Jahre alt und huste wie eine alte Frau." dachte sie bei sich.
Ihr Blick suchte wieder den Bildschirm, damit sie sich auf diesen konzentrieren konnte. Ein Chat-Teilnehmer, den sie bereits öfter nebensächlich bemerkt hatte, hatte sie nun zu einem Privat-Chat eingeladen. Sie nahm die Chateinladung an.
"Hi ich bin Alex, 17 Jahre alt." tippte ihr Gegenüber ein. "Ivana." tippte Ivana mit stupfem Blick und seufzte erneut. Ein leichter Hustenanfall liess sie erschauern und sie wischte sich über den Mund. "Scheint als wärste mies drauf." bemerkte ihr Gegenüber daraufhin. "Bin ich auch." kam es erneut von Ivana. Beim nächsten Hustenanfall verschwammen einen Moment die Buchstaben auf ihrem Bildschirm. "Darf man fragen, was du hast?" konnte sie nun lesen. Einen Moment zogen sich ihre Augenbrauen verärgert zusammen. Aber Alex schien ehrlich besorgt.
Dann tippte sie ein: "Ich hab Husten und niemand kann feststellen, woher er kommt."
Die Untersuchungen verschwieg sie. Immerhin war Alex ein Fremder für sie. Alex schwieg eine Weile, so das Ivana wieder die Tastatur bearbeitete.
"Was ist los? Warum schreibst du nicht mehr?"
Alex antwortete: "Ich habe überlegt, ob ich dir irgendwie helfen kann. Aber leider ist das in meiner Situation sehr schwierig."
Ivana blickte auf den Bildschirm und überlegte. Wie konnte er das meinen? Verbarg er irgendwas?
"Warum? Was ist denn?" fragte sie ihn nun. Eine prompte Antwort erschien auf dem Bildschirm: "Ich sitze im Rollstuhl. Verstehst du, ich war kerngesund und dann kommt da son besoffener Penner und fährt mich platt, zerstört meine Zukunft und bereuts nicht mal."
Betroffen blickt Ivana auf den Bildschirm. Endlich mal ein netter Kerl, und dann so vom Schicksal gebeutelt.
"Das tut mir leid." tippte sie. Irgendwie erschien ihr die Antwort lapidar, aber sie tippte trotzdem auf die Enter-Taste.
Erneut überkam Ivana ein Hustenanfall und so verabschiedete sie sich von Alex. Nun traf sie ihn jedoch regelmässig abends im Chat.
Sie unterhielten sich blendend und fanden heraus, das sie einige Interessen und Gemeinsamkeiten hatten. Ivana jedoch, die ein lebensfrohes Mädchen war, konnte nicht verstehen das Alex des Lebens überdrüssig war.
Irgendwann kamen sie auf ihre Heimat zu sprechen - es stellte sich heraus, das Alex gerade am anderen Ende von Ivanas Heimatstadt wohnte. Sie beschlossen, sich zu treffen. Am Tag davor musste Ivana zum Arzt. Er hatte die Untersuchungsergebnisse und wollte nicht am Telefon damit herausrücken. Ein Schatten breitete sich bereits da über Ivanas Seele. Sie hatte ein ungutes Gefühl und wäre am Liebsten nicht zum Arzt gegangen. Dennoch ging sie am nächsten Morgen. Mit unbeweglicher Miene nahm sie die Diagnose des Arztes auf. Ihre Angst hatte sich bestätigt und Ivana verlor von einem Moment auf den nächsten ihren Lebensmut, die Freude, die sie immer ausgestrahlt hatte, war wie weg geblasen.
Am Tag darauf traf sie sich mit Alex. Trotz der Diagnose freute sie sich auf diesen Tag.
Als Alex Ivana erblickte, glaubte er zu träumen. Sie war sehr schlank, beinahe zu schlank für ihre Größe von 1, 77m. Ihr volles, rotgolden glänzendes Haar fiel in sanften Wellen bis zur Hüfte herab und umrahmte ein schmales Gesicht mit zwei wunderschönen, leicht schrägstehenden grünen Augen. Als Alex in ihre Augen blickte, wusste er, das etwas vorgefallen war. Sie lachten nicht mehr, wie auf dem Bild, das sie ihm geschickt hatte. Er wusste aber, das er sie liebte, vom ersten Moment in dem er diese Frau sah.
Und auch Ivana glaubte, nicht recht zu sehen. Als der junge Mann mit den kurzen schwarzen Haaren und den dunkelblauen Augen in seinem Rollstuhl auf sie zufuhr, begann ihr Herz schmerzhaft zu pochen bei seinem Anblick und dem Gedanken daran, was Alex geschehen war.
Sie wusste, sie liebte ihn ebenfalls. Und noch am selben Abend gestanden sie sich ihre Liebe und es wurden erste zarte Küsse ausgetauscht.
Nach diesem Treffen erfüllte ein großer Schmerz Ivanas Herz und ihre Seele.
Sie weinte lange und viel, in den Nächten. Dann traf sie Alex wieder. Doch diesmal machte sie sich rasch von ihm los. "Ich habe Krebs, im Endstadium." stieß sie hervor. "Es ist verwunderlich, das es mir noch SO gut geht." Entgeistert sah Alex sie an und erblasste. Er hatte Ivana doch erst gefunden, musste er sie tatsächlich schon wieder fort lassen?
Er zog sie wieder an sich und küsste sie erneut. Doch sie wehrte sich nicht, wie er erwartet hatte.
Fortan ging es mit Ivanas Gesundheit rapide bergab. Sie wurde schwächer und musste ins Krankenhaus. Eine Chemotherapie wurde angeordnet und Ivana bekam Schmerzmedikamente, denn der blutige Husten wurde schmerzhaft.
Alex besuchte sie jeden Tag. Er sah mit an, wie ihr Gesicht aufgedunsen wirkte, dann ein andermal wieder eingefallen, und stets so furchtbar blass. Er bekam mit, wie die wunderschönen, langen rotgoldenen Haare ausfielen und er sammelte sie alle ein, wenn er konnte.
Dann ging es Ivana wieder besser. Später wussten einige, das es Ivanas letztes Aufbegehren gegen den Tod war.
Sie war zwar immer noch schwach, als man sie zweitweise aus dem Krankenhaus entliess, aber es ging ihr besser, als an dem Tag, an dem sie ins Krankenhaus gekommen war.
"Chemo ist die Hölle." gestand Ivana Alex. Der machte sich seit er von Ivanas Krankheit wusste, Gedanken darum, wie es für ihn weiterginge, wenn es Ivana nicht mehr gab. Je länger er darüber nachdachte, desto eher wusste er, er würde ihr folgen, wenn sie stirbt.
Seine Eltern würden vielleicht trauern, doch sie würden ihn auch verstehen, denn sie wussten, wie sehr er Ivana liebte.
Nach und nach wuchs Ivanas Haar zu einem rotgoldenen weichen Flaum heran, dann ging es ihr plötzlich wieder schlechter. Am nächsten Tag sollte sie sofort zur nächsten Chemo ins Krankenhaus kommen. Doch ihr Hausarzt hatte durchblicken lassen, das es womöglich nicht mehr helfen würde.
Alex kam Ivana besuchen und gemeinsam gingen sie zu ihrem Lieblingsplatz an der Schlucht, beobachteten den Sonnenuntergang.
"Ich will nicht, das du wieder diese Hölle durchmachen musst." gestand Alex Ivana und blickte ihr zärtlich in die Augen. "Was werd ich denn nur tun, wenn du wirklich gehen musst?" fragte er leise und seine Stimme klang verzweifelt. Er küßte sie sanft, ehe sie ihm antworten konnte.
Die Küsse gingen über in liebevolles Streicheln und erstaunt registrierte Ivana, das Alex noch immer in der Lage war, Sex zu haben.
Sie schliefen miteinander. Dann kuschelten sie sich gemeinsam in die mitgenommenen Decken.
Nach einer Weile der Ruhe überkam Ivana ein schrecklicher Hustenanfall. Sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen.
Alex hielt sie sanft in seinen Armen. "Ich liebe dich, Ivana." sagte er, als dieser Anfall vorüber war und Ivana geschwächt in seinen Armen zurückließ. Doch nachdem Ivana gesagt hatte: "Ich liebe dich auch, Alex." erschütterte ein erneuter Hustenanfall ihren gequälten Körper. Dunkelrotes Blut quoll aus ihrem Mund und sie keuchte qualvoll nach Luft. Alex glaubte, sie würde ersticken. Doch dann endlich beruhigt sich Ivanas Husten wieder. Völlig schwach bleibt sie reglos in Alex´s Armen liegen, der vorsichtig das Blut von ihrem Mund wischte und ihrem rasselnden Atem lauschte.
Er hatte Angst. Ivana hauchte leise: "Flieg mit mir, Alex."
Alex verstand zuerst nicht. Er blickte Ivana in die matten Augen, das eingefallene Gesicht. Dann begriff er - Ivana lag im Sterben.
"Bitte flieg mit mir, Alex, du hast versprochen mich niemals allein zu lassen." kam es mit einem weiteren Schwall Blut über Ivanas Lippen.
Alex nickte. "Wir werden fliegen, Ivana." Er zog sich auf seinen Rollstuhl und schaffte es, Ivana auf seinen Schoß zu ziehen. Sie schmiegte sich eng an ihn. Langsam rollte er den Rollstuhl an den Rand des Abgrundes. Sein Blick glitt in die Dunkelheit hinunter. "Wir werden fliegen, Ivana." wiederholte er. Als Ivana ihren letzten Atemzug tut, lässt er sich mit ihr in den Armen nach vorne fallen. Obwohl sie bereits für immer fort ist, weiss er, das er sie gleich wiedersehen wird.

In der Zeitung:

Ivana starb nach kurzer, schwerer Krankheit. Alex ging mit ihr.
Sie flogen gemeinsam in die Ewigkeit.

Die trauernden Elternpaare

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