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Date Posted: 21:08:55 10/05/03 Sun
Author: girlofthenight
Subject: Kurzgeschichte

Das Ende in Zeitlupe.


Wow, ich habe es tatsächlich getan. Noch vor einer Stunde bin ich die vielen Treppenstufen dieses Hauses hinaufgestiegen. Ich hätte natürlich den Lift nehmen können, doch eine innere Stimme befahl mir, zu laufen. Sozusagen die letzte sportliche Betätigung in diesem Leben. Scheinbar unsinniger Weise habe ich all die Stufen, die ich erklommen habe, mit grosser Sorgfalt gezählt. 320 für zwanzig Stockwerke, und dann noch einmal 14 Stufen bis zum Dach. Das machte immerhin 334 stumme Zeugen für die Ewigkeit. Wie mutig ich doch sein wollte, als ich sofort den Rand ansteuerte, um mich dem dunklen Nichts entgegenzuwerfen. Ebenso schnell jedoch ging ich wieder zurück, in die sichere Mitte des Daches. Dann drei lange Zigaretten. Tief inhaliert und dabei das grandiose Lichtermeer der Grossstadt vor Augen. Wie Glühwürmchen wirkte so manches künstliche Licht in der Ferne. Ein schöner Gedanke und doch so falsch. Es ist von Menschen gemachtes Licht, und Glühwürmchen sind Tiere. Sie sind unschuldig, frei von Falschheit und Gier. Die Grausamkeit und Falschheit der meisten Menschen fehlt ihnen gänzlich. Ein Ausschwitz unter Tieren? Undenkbar! Dieser seltsame Gedanke war der letzte oben auf dem Dach. Mechanisch wie ein Roboter stolperte ich erneut zu dem Rand. Und diesmal gab es kein Zögern mehr. Ich tat den Schritt ins Leere.
Die obersten fünf Stockwerke habe ich schon hinter mir gelassen. Alles ist dort dunkel gewesen, geschlossene Rolläden und Stille. Ich habe mich bisher nicht überschlagen und wenn es so bleibt, ich meine Haltung beibehalte, sieht es nach einem klassischen Bauchplatscher aus. Von unten kommt mir der hell erleuchtete Betonboden des Parkplatzes entgegen. Zwei grosse Leuchter am Eingangsbereich machen hier die Nacht zum Tag, offenbar um Diebe abzuschrecken. Das 13.Stockwerk. Überhaupt scheint es ein sehr ordentliches Haus zu sein. Alles penibel, akkurat, die Autos geordnet Reihe an Reihe. Ich werde mit meinem Tun sicher für Unmut sorgen. Das ganze Blut auf dem Asphalt. Die Polizei, die Fragen, der ganze Ärger. Besonders der Hausmeister würde sehr ungehalten sein. Ich lächle. Zum ersten Mal in meinem Leben ist es mir egal, was andere über mich denken. Die Luft wirbelt durch mein Haar und ich geniesse es. Das 10.Stockwerk. Es ist gut wie es ist. Es ist jetzt gleich vorbei. Wird mein Kopf zerschellen? Alle Glieder brechen? Werde ich wie eine Puppe verbogen auf dem Boden liegen? Ich werde es nicht mehr spüren, es ist egal. Den grossen Fehler meiner Erzeuger werde ich korrigieren. Ich verlasse den Ort, an den ich niemals gehörte. Und ich fühle mich frei wie noch nie zuvor.
Das 8.Stockwerk. Verdammt, dort ist Licht am Fenster. Ein kleines Mädchen steht hinter der Scheibe, blond ist sie, und hat einen Teddy unter dem Arm. Sie schaut aus dem Fenster, starrt mich an. Verdammte Scheisse, geh weg, kleines Mädchen, geh weg vom Fenster! Sieh nicht nach untem hörst du, nicht nach unten sehen! Das ist kein Anblick für dich, überhaupt kein Anblick für unschuldige Augen. Geh ins Bett zurück, bitte, und versuche zu schlafen! Und öffne die Augen erst wieder, wenn es hell wird!
Ich bin vorbei. So eine Scheisse. Das 6.Stockwerk. Das mit dem Kind tut mir so leid. Aber wer konnte schon ahnen, dass jemand aus dem Fenster sieht, nachts um zwei Uhr? Es hilft auch nichts mehr, ich muss nun egoistisch sein und nur an mich denken. Dieses eine Mal. Das letzte Mal, bevor alles Denken erlischt. Der Betonboden ist jetzt schon sehr nahe, zumindest das Muster der dunklen und hellen Steine kann ich nun gut erkennen. Zumindest die hellen werden bald rot sein. Das gute an diesem Sprung ist, dass ich ihn nicht mehr abbrechen kann. Wenn ich tabletten nehme, kann ich sie danach noch freiwillig wieder rauskotzen. Nun aber habe ich die aktive Rolle abgegeben. Der Schritt ins Leere, oben auf dem Dach war bereits das Ende gewesen. Unwiderruflich. Das 4.Stockwerk. Gleich ist es überstanden. Ich glaube ich schliesse jetzt langsam die Augen. Ich habe keine Angst, aber es ist merkwürdig - das Gefühl der Sicherheit, bisher mein enger Begleiter, ist plötzlich verschwunden. Aber wahrscheinlich ist das nun auch nicht mehr so wichtig.
Das 2.Stockwerk. Mir geht es nicht gut, meine Augen sind weit aufgerissen. Der Boden ist sehr nah. Ich zapple ungelenk durch die Luft, im Kopf das reinste Chaos. Das kleine Mädchen. Ihr BLick. Verdammt, es ist nur ein paar Jahre her, da bin ich selbst so ein kleines Mädchen gewesen. Mit dem Teddy im Arm und grossen fragenden Augen. warum ist dann alles so schief gelaufen? Warum musste es geschehen, dass es so endet? Das Dunkle kam früh, war schon immer da in meinem Leben. Doch wann ist es passiert, wann ist meine Seele gänzlich schwarz geworden? Und jetzt habe ich Angst, und würde weinen, wenn mir die Zeit dazu noch bliebe. Verflucht, die Sache nimmt jetzt die falsche Wendung. Will ich leben? Ich weiss es nicht, wohl eher nein, aber eines weiss ich: Ich will nicht jetzt sterben, nicht so, vielleicht nachher...aber nicht sofort, ich hab doch noch etwas zutun, ich muss doch noch.....PLATSCH.

by girlofthenight (Tamy) im September 2003

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