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Date Posted: 17:46:35 05/23/03 Fri
Author: Martin Gossel
Subject: Das Ende

Sie war einsam. Die Leute hatten sie verbannt, zum Tode verurteilt, verbannt ins Jenseits, zum Tode verurteilt dadurch, dass sie sie vergessen hatten. Sie war zwar nicht von Gitterstäben umgeben, saß aber doch in einer riesigen Gefängniszelle, aus der es kein entrinnen gab und wartete auf den Tod, vor dem es kein entrinnen gab.
Der Zeitpunkt, an dem das Todesurteil vollstreckt werfen würde, war ungewiss; nicht einmal ihre Richter wussten, wann sie sterben würde, ihre über eine Milliarde Richter, die nicht nur den Urteilsspruch gefällt sondern auch unbewusst die Rolle des Gefängnisaufsehers und des Henkers übernommen hatten. Wer hatte sie nicht alles verurteilt? Welch vernichtende Begründungen und unberechtigte Anschuldigungen hatte sie ertragen müssen?
Sie hatte das Urteil der Politiker vernommen, die die Auffassung vertreten hatten, sie sei in Staatsfragen unbrauchbar, hinderlich, ja sogar gefährlich, weil man den Tatsachen ins Auge blicken müsse. Die Juristen hatten sich ihnen angeschlossen und hinzugefügt, sie mache eine gerechte Urteilsfindung unmöglich und sei außerdem ein böser Anstifter zu – so drückten sie es aus – Terrorismus und Anarchie. Die Lehrer hatten davon gesprochen, dass sie das genaue Arbeiten am Text und sinnvolle Interpretationen von Literatur und das konzentrierte Denken verhindere, die Schüler vom rechten Weg abbringe, so für schlechtere Leistungen sorge und schließlich dem Leben, der Wissenschaft und dem Fortschritt entgegen arbeite. Die Militärs waren der Meinung gewesen, sie verführe zum allzu gefährlichen Pazifismus, da das Vertrauen in den politischen Gegner durch sie zu groß werde. während die Künstler – ja, sogar die Künstler – darauf aufmerksam gemacht hatten, dass die Zusammenarbeit mit ihr lange nicht so ertragreich sei wie die Beschreibung von realen Dingen, da der Mann von der Straße bekanntlich das betrachten, lesen oder hören wolle, was er auch in seiner Umwelt finden könne, Tatsachen, die ihm die Möglichkeit gäben, sich mit ihnen zu identifizieren.
Sie versuchte, nicht mehr daran zu denken, aber dadurch, dass sie immer kleiner, immer unwichtiger, immer vergessener wurde, flammte immer wieder die Erinnerung an die schrecklichen Urteile in ihr auf. Sie wusste: wenn die wenigen, die noch auf sie vertrauten, erst zur so genannten Vernunft gekommen wären, würde sie endgültig nicht mehr und nie mehr bestehen.
Resignierend schaute sie sich noch einmal in ihrer Zelle um, die grausamer und furchtbarer war als das finsterste Verließ. Sie sah Meere, die, soweit das Auge reichte, von Ölteppichen bedeckt waren. Sie sah sterbende kahle Wälder, riesige Betonwüsten, und Fabrikschornsteine, aus denen Gifte austraten. Sie sah endlose Autoschlangen, die sich über gerade, eintönige Autobahnen wälzten und Gase entließen, stinkende und zuverlässige Mörder der Natur, zerstörende Phantome. Sie sah Touristen, die über moderne Bergbahnen die letzten bisher unberührten Berggipfel zu tausenden eroberten, auf der Suche nach etwas frischer Luft. Sie sah Grenzen, die Menschen von Menschen, Bündnisse von Bündnissen, Feindesland von Freundesland trennten. Und sie sah, und darüber erschrak sie besonders, überall Waffen, Waffen und noch einmal Waffen, die die Menschen voller hass aufeinander gerichtet hatten und die Not und Tod verkündeten.
Plötzlich merkte sie, dass sich ihr Koffer, der voll von träumen, Farben, Glück und Ideen gewesen war, in Luft aufgelöst hatte. Langsam wurde ihr Atem schwächer. Ihre Blicke, die immer noch auf die gerichtet waren, die das ‚Urteil ausgesprochen hatten und nun vollstreckten, wurden glasig. Ihre Kraft schwand. Bevor sie starb, hörte sie noch das Krachen von Raketen und Bomben, das Rollen von Panzern und das Knallen von Gewehren.
In ihrer Zelle war der Krieg ausgebrochen...
Die Phantasie war tot.

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