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Date Posted: 10:09:30 07/30/03 Wed
Author: Traumfalke
Subject: Die Silberelbin - ein weiterer Teil

Die beiden Elbinnen gehen, betreten Lúthiens Haus in den Baumkronen, es ist gemütlich eingerichtet, in einer Ecke steht ein Schaukelstuhl, überall hängen Bilder und Pflanzen verschönern den Raum.
Lúthien richtet ein Bad aus Kamille und anderen beruhigenden Kräutern, dann nimmt sie Tinúviel die Kleidung ab und betrachtet den Körper der jungen Elbin. Dabei geht ihr durch Kopf: „...wie Silber glänzt ihre Haut, und ihre Augen haben die Farbe des tiefblauen Ozeans. Ihre Flügel sind zart wie der Wind und stehen der Farbe der Augen in nichts nach. Sie ist zerbrechlich wie eine Pflanze im Sturm, doch ihre Kraft ist stärker als jeder Fels...“
Lúthiens Augen weiten sich. Die Prophezeiung...wie hatte sie dies vergessen können? Dieses Kind, das sie vor sich sah, war kein Kind der Waldelben. Sie hatte einen Stand, der sogar über dem Alatáriels war. Wie hatte sie so blind sein können, kannte sie das Elbenmädchen doch schon, als dieses noch ein Baby war. Ein Baby, das eine alte Kriegerin der Waldelben dereinst mitgebracht hatte, mit dem Auftrag, es großzuziehen. Niemand hatte gewusst, woher es war, außer jener Elbin.

Als Tinúviel sich in der Wanne entspannt, eilt Lúthien zum Stammesrat, sie läßt sich auf die Knie fallen und flüstert immer wieder: „Die Prophezeiung...die Prophezeiung...“
Die Ältesten sehen die nervöse alte Elbin an. „Was hast du zu berichten, Lúthien? Was ist mit der Prophezeiung?“
„Ältester,“ beginnt Lúthien und sieht einen der Ältesten an, „..die Prophezeiung sagt <<...wie Silber glänzt ihre Haut, und ihre Augen haben die Farbe des tiefblauen Ozeans. Ihre Flügel sind zart wie der Wind und stehen der Farbe der Augen in nichts nach. Sie ist zerbrechlich wie eine Pflanze im Sturm, doch ihre Kraft ist stärker als jeder Fels...>>..“
Der Älteste erwiedert: “Ja das tut sie. Komm auf den Punkt, Lúthien.“
Lúthien nickt: „Tinúviel, sie IST die Prophezeite...sie ist die verschollene Prinzessin der Hochelben.“
Der Älteste sieht Lúthien ungläubig an. „Dazu müssten wir das Mädchen ohne Kleidung sehen. Nur dann können wir dir glauben. Leider ist sie immer sehr gut gekleidet und man sieht ihre Flügel nicht- wenn sie denn eine der Hochelben ist und überhaupt welche hat.
Lúthien kehrte zu der jungen Elbin zurück. „Ich muß euch bitten, nur in ein Tuch gekleidet mit zum Stammesrat zu kommen, Tinúviel.“
Irritiert sieht die junge Elbin Lúthien an. Wieso will sie das ich in einem Tuch zum Stammesrat gehe?
„Warum sollte ich das tun?“ fragt sie dann mit einem mißtrauischen Gesichtsausdruck.
„Bitte, es ist wichtig...“ Lúthiens Stimme klingt flehend. Tinúviel stimmt zu, allein um der alten Elbe einen Gefallen zu tun. Hätte sie geahnt, wohin sie dies führen würde, sie hätte es wohl nicht zugelassen und ihr Leben in dem kleinen ruhigen Wald verbracht.
So kam es, das Lúthien Tinúviel nur in ein Tuch kleidete, und sie zum Stammesrat brachte. Die hochrangigsten Elben waren da, und natürlich Beren, Lalaith und Alatáriel. Tinúviel war von Lúthien aufgeklärt worden und hatte sich bereiterklärt, ihren Körper zu zeigen.
„Nun, Tinúviel, dann laß uns sehen, wie du aussiehst.“ sagte der Älteste.
Tinúviel läßt das Tuch fallen, entfaltet die wunderschönen Flügel und läßt das Bild auf die anderen wirken, die sie entgeistert anstarren.
Alatáriel beschliesst nichtsahnend zu tun und sinkt auf die Knie: „Prinzessin Tinúviel...“
Die junge Elbin sieht erstaunt auf Alatáriel herab.
„Ich? Eine Prinzessin? Seid nicht töricht!“
„Wir sind sicher, ihr seid eine Prinzessin der Hochelben, kleine Schwester.“ Alatáriel sieht sie an und erhebt sich dann, um sie zu umarmen. „Hätte ich das früher gewußt...“ Alatáriel spielt ihre Rolle meisterhaft, niemand merkt etwas.
Tinúviel war verwirrt. Sie sollte eine Prinzessin sein?
„Sieh doch, Tinúviel, wir alle haben keine Flügel, nur du-obwohl du sie bisher meisterlich versteckt hattest. Hast du sie jemals benutzt?“ fragt nun Alatáriel. Schüchtern antwortet Tinúviel: „Um ehrlich zu sein...ja ich habe geübt zu fliegen, denn wieso sollte ich eine Gabe nicht nutzen die ich habe, es hat lange gedauert aber ich kann es.“ Wieder gehen ihr Gedanken durch den Kopf, Gedanken an den Tag, als sie ihre Flügel zu benutzen gedachte. Hoch oben auf dem Fels hat sie gestanden. „Wenn es schiefgeht, dann bin ich so gut wie tot..“ murmelte sie leise. Dann streckte sie die wunderschönen Schwingen aus und läßt sich fallen. Wie von selbst bewegen sich ihre Flügel, fangen ihren Fall ab...
„Ich kann fliegen!“ sie schreit es vor Aufregung, vor Freude hinaus. Doch dann landet sie wieder, wenn auch diese erste Landung so wie noch einige hinterher, eine Bruchlandung wird bei der sie dann eher einen Salto schlägt als wirklich zu landen. Lachend bleibt sie am Boden liegen....
Die Ältesten murmeln aufgeregt: „Die Tochter der Dämmerung ist wieder da...natürlich, wie konnten wir so blind sein, wurde sie doch damals Tinúviel genannt, als man sie uns brachte, weil es auf einem Papier stand das bei dem Kinde lag.“

Tinúviel wird es zuviel, ehe sich die um sie Versammelten versehen, fliegt sie hoch, landet wenige Meter weiter und eilt in Lúthiens Haus, wo sie die Kriegerkleidung, die dort bereitliegt anzieht. Leise schleicht sie in den Wald um nachzudenken.

Lúthien findet sie bald. Sie kennt die Orte, an denen Tinúviel sich bevorzugt aufhält.
„Es gibt noch einen Grund, wieso ihr die Prinzessin sein müsst...manchmal habt ihr eine Neigung, Böses zu tun, die ihr nicht verstehen könnt...ich werde euch etwas erzählen...es gab dereinst eine Waldelbin, sie hieß Kalya und mit einem Menschen namens Thoriar zeugte sie einen Sohn. Sein Name ist Beren, er ist ein Halbelf. Doch zu dieser Zeit gab es IHN noch in den Landen, den großen Schatten. Kalya, war eine Halbschwester der Hochelbenprinzessin und eure Mutter. Ihr führt somit das Blut zweier Völker, Tinúviel. Doch eure Mutter, die sich dem Dienst am Licht verschrieben hatte, empfand ein seltsames Begehren für IHN, den großen Schatten. Und so geschah es, das sie sich eines Tages mit ihm vereinigte. Die Mitstreiter für das Licht, der Drachenbund, hielten dennoch zu ihr, als ihr klar wurde, das sie das Kind des großen Schatten trug. Ein Kind des Guten und des Bösen...
Kalya musste viel erleiden, weil sie sich mit IHM eingelassen hatte und sie ist beinahe daran verzweifelt, war nur mehr ein Schatten ihrer Selbst. Gut, das damals ihre Blutsschwester Claennis bei ihr war. Die Beiden Frauen empfanden irgendwann mehr füreinander, als nur Freundschaft. Das rettete Kalya das Leben.
Das Kind, von dem ich sprach, seid ihr Tinúviel, und nachdem Kalyas Schwestern ohne Kinder umgekommen waren und ein Halbelf nicht auf den Thron kann, ist jenes Kind, die Tochter des großen Schatten, die Anwärterin auf den Thron. Kalya brachte das Kind in den Wäldern der Silberwölfe zur Welt, dann wurde es hier her gebracht wo Leute ihres Volkes mit dem Aufziehen des Kindes betraut wurden. Bei dem Kind lag ein Zettel, worauf der Name stand:
Tinúviel, Tochter der Dämmerung.“

Lúthien stockt, sie betrachtet Tinúviels ebenmässiges Gesicht, welches beinah versteinert wirkt ob dieser Geschichte, die schwarz umrandeten Augen starren der alten Elbin unbeweglich ins Gesicht..
Gedanken belagern Tinúviels Geist, konnte diese Geschichte war sein? Tief in ihrem Inneren spürt Tinúviel, das Lúthien die Wahrheit sagt, und so nickt sie fast unmerklich.

„Ihr seid die Prinzessin, ihr seid die Tochter des großen Schatten...ihr seid das Kind der Dämmerung, gezeugt von Licht und Schatten, Tinúviel. Daher euer Name. Ich glaube, es wird Zeit für euch, nach eurer Herkunft zu suchen, zu sehen, wo eure Mutter lebte...und vielleicht, vielleicht werdet ihr auch Morkh´Drah eines Tages sehen...die Feste eures Vaters...“
„Was ist mit meiner Mutter, wieso hat mich meine Mutter nicht großgezogen???“ Tinúviel schaut fragend. Lúthien sieht sie lange an, überlegt ob sie dem Mädchen die Wahrheit sagen soll, das Kalya dem Schatten folgte, statt ihrer Liebe zu Claennis treu zu bleiben, ehe sie antwortet: „Eure Mutter ist unseres Wissens nach bei eurer Geburt gestorben...“

Tinúviel setzt sich auf einen Fels, sie faltet die Flügel zusammen und seufzt leise. Ihr Blick ist nachdenklich, sie fühlt sich überfordert von all dem Gehörten...ein Kind des Bösen sollte sie sein? Zumindest zur Hälfte? Das würde aber erklären, wieso ihre Augen von schwarzen Rändern umgeben waren...konnte es wirklich sein?

Und Beren...sie hatte schon immer gewusst, das er anders war als sie...er hatte gewußt, das er ihr Bruder war, zumindest ihr Halbbruder, dessen war sie sich sicher, doch konnte er es ihr nicht sagen...welches Spiel wurde hier gespielt? Hatten sie nicht vielleicht doch um ihr Geheimnis gewusst und - gebunden an einen Schwur – nichts verraten?
Verunsichert kehrt Tinúviel in das Dorf zurück und versteckt sich in Lúthiens Haus. Sie möchte niemanden um sich haben.

Stunden vergehen, während sie still in einer Ecke sitzt, ihr erscheinen sie wie Minuten. Draußen hört sie die Kinder schreien und lachen, in ihrem Spiel, die Geräusche derer, die arbeiten...doch in ihrem Kopf scheint sich alles zu drehen. Sie begreift nicht, was los ist, was das alles hier soll und wem sie noch trauen kann.

Am Abend hat sie ihre Entscheidung getroffen, tief drinnen herrscht noch ein kleines Fünkchen Unsicherheit, doch warum soll sie hierbleiben? Hier gibt es nichts mehr, was sie hält. Nur traurige, schmerzhafte Erinnerungen. Sie kleidet sich in ihre Rüstung, schnallt die fein gearbeitete Elbenklinge um, die mit elbischen Runen verziert ist. Dann tritt sie vor Lúthiens Haus, sie blickt hinab auf die Waldelben der heiligen Quelle, auf ihre Freunde, die sie aufgenommen haben, um ihre Qual zu lindern. Dann schüttelt sie leicht den Kopf, die blauen, schwarz umrandeten Augen verengen sich zu Schlitzen, als ihr Blick auf Beren fällt. Was weiß er?
Nein, hier kann sie nicht bleiben, sie muß wissen, woher ihre Mutter kam, wo ihr Vater gelebt hat, vielleicht gibt es jemanden, der Kalya gekannt hat? Vielleicht kann sie diese Claennis finden?
Entschlossen tritt Tinúviel hinab und sagt mit zittriger Stimme: „Ich muß euch etwas mitteilen, meine Freunde.“

Die Köpfe wenden sich ihr zu. „Ich habe eine Entscheidung getroffen.“
Tinúviel zögert einen Moment, dann spricht sie fester als zuvor weiter.

Alatáriel und Lúthien, Beren und Lalaith treten in die erste Reihe und sehen Tinúviel an. Sie stockt einen Augenblick, räuspert sich und spricht weiter: „Ich werde das Dorf verlassen. Ich möchte euch allen danken, dafür das ihr mir beistehen wolltet. Doch nun, da ich etwas über meine Herkunft weiß, drängt es mich, dorthin zu reisen, in die Lande Sardons, um dort nach jemandem zu suchen, der meine Mutter vielleicht kannte...“
Ein Raunen geht durch die Reihen, Tinúviel sieht in die traurigen Gesichter ihrer Freunde. „Es tut mir leid, ich möchte niemanden verletzen, doch ich muß von dannen ziehen, ich muß wissen, woher ich stamme.“
Entschlossen wendet sie sich um und sieht den Stammesrat an. „Ich möchte euch bitten, mir ein Pferd zu überlassen.“

Ein schneeweißes Pferd wird in den Kreis der Elben geführt. „Dies ist Moonlight, wir überlassen ihn euch gerne, Tinúviel. Er ist der beste Hengst, den wir haben. Wir wünschen euch alles Gute für eure Reise, kehrt gesund wieder heim“ Tinúviel tritt neben den ungezügelten Hengst und sieht ihn an. Dann nickt sie und steigt auf. „Gehabt euch wohl, meine Freunde, und achtet gut auf euch. Wir werden uns sicher wiedersehen! Ich danke euch für alles!“

Mit einem leisen elbischen Wort treibt sie den Hengst an, wie dereinst der Hengst ihrer Mutter Kalya, Luzifer, so wendet auch Moonlight wiehernd auf der Hinterhand und prescht aus dem Dorf. Tinúviel hinterlässt ihre Freunde, die nicht ganz verstehen, wieso die junge Kriegerin gegangen ist.
Ein undändiges Gefühl der Freiheit umfängt Tinúviel in den ersten Stunden nachdem sie gegangen ist. Doch ihre Reise soll noch mühsam werden.

Wochenlang irrt Tinúviel durch die Lande, sie gelangt in die verlorenen Wälder, wo seltsame Kreaturen des Nachts unterwegs sind, an den Flußlauf der Nymphen und schliesschlich an den Rand der roten Berge. Sie reist fast ununterbrochen und macht selten in einer Stadt halt...
„Die roten Berge...hier müssen wir rüber, Moonlight.“
Tinúviel macht sich an den Aufstieg, noch ist der Weg nicht steil und sie kann reiten, doch mit jedem Meter den sie zurücklegt wird es mühsamer. Sie steigt ab und führt Moonlight. Und dann...dann hört auf einmal der Weg auf. Die junge Elbin ist gezwungen, einen Weg zu finden, den sie und der Hengst gehen können. Dies erweist sich als äußerst schwieriges Unterfangen, überall sind Steine, Felsen, Büsche und vereinzelt auch Bäume, die ein Weiterkommen unmöglich machen. Dennoch findet sie nach stundenlangem Suchen einen Weg. Es wird dunkel. „Wir müssen hier übernachten, Moonlight...“
Als wolle er ihre Worte bestätigen, schnaubt das Tier. Tinúviel entfacht ein Feuer mit einigen der trockenen herumliegenden Hölzer. Ein leises Knurren dringt an ihr Ohr. Voller Schrecken springt Tinúviel auf, sieht sich gehetzt um, irgendetwas muss hier in der Nähe sein. Ein paar gelber Augen glüht am Rande des Feuerscheins auf. Tinúviel zieht ihre Klinge, ihr Herz rast und das Adrenalin das durch ihren Körper rast lässt sie plötzlich wieder hellwach sein. Das Raubtier am Rande des Feuers nähert sich, es schaut immer wieder mißtrauisch auf das fröhlich flackernde Feuer. Es scheint eine Art Katze zu sein, doch was für eine!
Tinúviels Blick fällt auf eine riesige Katze, die seltsame braune Flecken im Fell hat. Die Zähne des Tiers sind riesig, Tinúviel bekommt es nun doch ein wenig mit der Angst. Das Tier spürt dies. Moonlight wiehert angstvoll, Tinúviel wirft einen Blick zu ihm....die Katze nutzt den Moment und springt ab. Aus den Augenwinkeln nimmt Tinúviel den heranrasenden Schatten wahr, wirbelt mit der gezogenen Klinge herum und wird vom Aufprall des Tieres auf sie von den Beinen gerissen. Es wird dunkel um sie.
Minuten später erwacht sie wieder, sie spürt etwas seltsam Warmes auf sich, der Rücken schmerzt und knapp neben sich ertastet sie ihre Klinge. Sie lässt ihre Augen noch geschlossen. Was zur Hölle...?
Langsam öffnet Tinúviel die Augen. Verschwommen dringen die Eindrücke auf sie herein. Moonlight, der ruhig grasend dort steht, wo sie ihn stehen lies, das Feuer, das fröhlich hüpfend brennt....dann realisiert sie das große Gewicht, das auf ihren Beinen liegt. Sie sieht dorthin, die Katze...sie liegt auf ihren Beinen, das Schwert hat sie durchbohrt und sie musste noch versucht haben, sich zu befreien. Dann war sie auf Tinúviels Beinen zusammengebrochen. Langsam rappelt die junge Elbin sich hoch, schiebt angewidert den Kadaver weg. Das seltsam Warme das sie spürt, ist das Blut, das sich auf ihrer Kleidung verteilt hat. Nun erst realisiert sie auch die tiefen Kratzer an ihrer Schulter, welche die Krallen des Tieres hineingerissen haben. Sie nutzt etwas von dem Wasser, das sie bei sich hat, um sich notdürftig zu reinigen. Alles schmerzt von dem Sturz an den Boden. So gut es geht versorgt Tinúviel die Kratzer an der Schulter. Sie wirft einen Blick zu Moonlight, der Hengst scheint sich – den Göttern sei Dank – recht schnell wieder beruhigt zu haben.
Völlig erschöpft schläft Tinúviel ein.
Erst am frühen Nachmittag des nächsten Tages erwacht sie. Ein grauenhafter Gestank hängt über dem Ort, an dem sie geschlafen hat. Er stammt von dem Kadaver der Riesenkatze, auf der sich mittlerweile allerlei Aasfresser niedergelassen haben. Als Tinúviel sich bewegt, fliegen sie laut kreischend davon.
Der mühsame Weg durch die Sträucher und das unwegsame Gelände der roten Berge geht weiter. Tinúviel ist der Erschöpfung nahe, sie möchte am Liebsten aufgeben und in die Wälder zurückkehren. Doch das kann sie nicht. Ich kann nicht nocheinmal versagen..
Entschlossen schlägt sie sich einen Weg durch Sträucher, deren Namen ihr unbekannt sind, ignoriert die kleinen Äste, die ihr scharf ins Gesicht peitschen und kleine rote Striemen hinterlassen. Auch Moonlight kommt nicht ohne Schrammen davon.
Und dann hat sie es endlich geschafft, die Weiten Sardons tun sich vor ihren Augen auf. Staunend sieht sie sich um. So viele fremde Pflanzen, Bäume und Tiere....hinter ihr ragt das Massiv der roten Berge auf, die sie mühsam überquert hat.

Sie begibt sich nach Romaal, und erkundigt sich in einer Taverne nach der ehemaligen Gilde ihrer Mutter. Sehr schnell erfährt sie, das die Feste der Gilde sich irgendwo bei Lorica befinden muß. Ihre Reise in den gefährlichen Gegenden Sardons beginnt und schon bald stößt sie auf Horden von Sumpfkrolls, sie sehen aus wie riesige Frösche, haben jedoch messerschwarfe Zähne. Als sie das erstemal auf ein solches Monster trifft, lacht Tinúviel. Doch als der Sumpfkroll ihr Bein mit seinen scharfen Zähnen packt, ist dies sofort vorbei. Schmerzerfüllt schreit Tinúviel auf, das seltsame Monster schafft es, sie von Moonlights Rücken zu holen. Irgendwo in Tinúviels schmerzumnebeltem Geist sagt ihr etwas, das sie ihre Klinge ziehen muß. Ihre Hand wandert zu dem Schwert, der Schmerz des Bisses durchdringt sie vollkommen und beinah schafft sie es nicht, die Klinge herauszuziehen. Sie verpasst dem Sumpfkroll einen halbherzigen Hieb, der das Biest jedoch dazu bringt, ihr Bein loszulassen. Mit einem wütenden Schrei lässt sie das Schwert wuchtig auf den Riesenfrosch herabsausen. Sie hat Glück, das Biest bleibt reglos liegen, auch wenn Tinúviel jetzt von einem ekelhaften Schwall grünen Glibbers übergossen wird. Sie unterdrückt den Brechreiz, versucht mühsam, gegen den Schmerz in ihrem Bein anzukämpfen. Würde sie jetzt ohnmächtig, würden die Sumpfkrolls sie töten. Eine Stimme ertönt. „Seid ihr in Ordnung? Mein Gott, kennt ihr diese Biester nicht? Ihr müsst euch in acht nehmen!“ Ein Mann nähert sich, offenbar ein Mensch. Als er ihre Verletzung bemerkt, hievt er sie auf Moonlight und bringt sie in einen kleinen Ort namens Weihersmühle. Dort übergibt er sie einem kundigen Heiler. „Achtet in Zukunft besser darauf, welche Wesen in eurer Nähe sind, MyLady.“ Der Mann tippt sich an die Hutkrempe und geht, ehe sie ihm danken kann. Tage liegt Tinúviel in dem Bett bei dem Heiler, geplagt von düsteren Träumen. Das Gift der Sumpfkrolls lässt sie tagelang nicht erwachen. Dann wird sie endlich wieder klarer. Der Heiler versorgt ihr Bein, hat die Kratzer an der Schulter und die Striemen im Gesicht behandelt. Er gibt ihr kräftigende Nahrung und sie klärt sie über die Kreaturen Sandors auf. Nach zwei Wochen kann Tinúviel weiter reisen. Sie bedankt sich überschwenglich bei dem Heiler, der auch Moonlights Wunden versorgt hat. Die Reise geht weiter. Die Elbin hält ständig die Augen offen, auf die Kreaturen achtend, die der Heiler ihr erläutert hat. Sie ist es nicht gewöhnt, so wachsam zu sein und immer wieder kämpfen zu müssen. Zudem muß sie auf ihr Pferd achten, denn auch Moonlight ist höchstgefährdet durch die Toocwölfe, hässliche große graue Biester, die umherstreunen. Und dann kommt der Tag, an dem sie sie auf einen Schlangenhexer trifft. Er stürzt sich mit wildem Geschrei auf sie, im Reflex zieht Tinúviel ihre Klinge, sie pariert seinen Schlag und geht von der Wucht in die Knie, sofort springt sie wieder auf und geht zum Gegenangriff über. Mit einem wuchtigen Schlag trifft sie die Schulter des Gegners. Ein rascher Schlag läßt sie aufschreien, ihre Schulter blutet wieder und auf einmal fühlt sie diese seltsame böse Kraft in sich, das Erbe ihres Vates...die schwarzen Ränder ihrer Augen glühen auf, ihr Schwert schwingt blitzschnell zur Seite, um unerwartet auf den Schlangenhexer zuzurasen. Der Schlangenhexer fällt zu Boden. Ihr Atem geht keuchend, sie schaut umher, während sie versucht, ihren Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen und ruhiger zu werden...ihr Blick fällt auf ein seltsames Schwert, es steckt tief in einem Baum und ist offenbar lange Zeit schon dort, was daran zu erkennen ist, das es über und über von Moosen und Efeu bedeckt ist. Eine fein gearbeitete Klinge, offenbar ein schweres Schwert...sie nähert sich und betrachtet die Runen. Mit einem Finger kratzt sie etwas Moos herunter, das Metall schimmert hell. Es muß ein Silberschwert sein. Rasch wird ihr klar, das die Runen elbischer Natur sind. „Ich werde es mitnehmen, vielleicht bringt es ein schönes Sümmchen.“ Sie schnallt sich das Schwert auf den Rücken, ihre eigene Klinge kommt wieder in die Schwertscheide. Sie schnappt Moonlight, der nach dem hinterhältigen Angriff tänzelnd in der Nähe stehengeblieben war und steigt auf, um weiterzureiten.

Sie findet tatsächlich die Feste des Drachenbundes. Ein riesiges Gebilde. Im Hintergrund erhebt sich ein riesiger Turm aus grauem Fels, offenbar stark bewacht. Rings um den Turm sind Häuser, ein richtiges kleines Dorf, sogar eine Taverne ist vorhanden. Fast alle Gebäude scheinen aus diesem grauen Fels gebaut worden zu sein. Die Ställe liegen direkt neben dem riesigen Turm. Wachen stehen vor dem Tor, welches die Form eines Drachen hat und beäugen mißtrauisch die Fremde, die sich nähert. „Wer seid ihr und welches Ansinnen führt euch zu uns?“
„Man nennt mich Tinúviel, Tochter der Dämmerung.“ Die Wachen machen mit großen Augen Platz, Tinúviel sieht sie erstaunt an und springt von Moonlights Rücken. Der Hengst tänzelt wieder nervös, die Umgebung macht ihm Angst. Sie führt ihn in die riesige Festung hinein, flüstert leise beruhigende Worte. Eine der Wachen eilt ihr voraus, offenbar um dem Gildenmeister Bescheid zu sagen.

Red Dragon steht an einem Tisch, auf dem eine Karte des Landes liegt. Er betrachtet sich die Punkte, an denen seine Gildenmitglieder angegriffen wurden, als die Wache eintritt. „Sir, da draußen ist ein Mädchen...“ Die Wache klingt aufgeregt und Red Dragon hebt den Kopf um den Mann anzusehen. „Was ist euer Problem, Hauptmann?“ Der Wächter spielt nervös mit seinen Fingern. „Nun, Sir...sie behauptet, ihr Name sei Tinúviel, Tochter der Dämmerung...“
Red Dragon fühlt sich, als hätte ihn der Blitz getroffen. Bilder steigen in seinem Kopf hoch, Bilder von seinem ehemaligen Ratsmitglied Kalya. Die zierliche Elbin mit den strahlendblauen Augen und dem schwarzen Haar, die Geliebte des Thiaror...der Mutter von Beren und...der Mutter, welche die Tochter des Schattens gebar, und dies mit ihrem Leben bezahlen musste. Sofort nickt er dem Wächter zu: „Habt Dank, ich werde sofort in den kleinen Saal kommen. Bringt sie dort hin.“

Der Wächter eilt hinunter, Tinúviel hat inzwischen ihren Hengst versorgt und wird von einem anderen Wächter in die Halle gebracht. Der Wächter, welcher bei Red Dragon vorgesprochen hat, nimmt sie nun wieder in Empfang und bringt sie in den kleinen Saal. Aufmerksam sieht Tinúviel sich um. Der Raum ist mit weinroten Behängen aus Samt verziert, dazwischen hängen Schwerter und Degen, Äxte und Bögen an der Wand. Überall hängen Bilder, einige Landschaftsbilder, die Gegenden Sardons zeigen, wobei ihr das Bild von den roten Bergen besonders auffällt, sowie Bilder von Gildenmitgliedern, die in dieser Gilde gedient hatten. Ehemalige Gildenmeister, gefallene Krieger, zu deren Ehren die Portraits hier hingehängt wurden.
Besonders gefällt ihr der runde Tisch aus Holz, der den Raum dominiert. Rund um ihn stehen bequeme Sessel, die regelrecht zum Sitzen einladen.

Wenige Minuten später betritt Dragon den Saal. Tinúviel steht an einem der Fenster und beobachtet das Treiben im Hof. So hat er genügend Zeit, sie zu betrachten. Lange blauschwarze Haare fallen über ihren Rücken, sie ist schlanker und zierlicher als ihre Mutter und die Rüstung die sie trägt mag so gar nicht zu ihr passen. Als ein wenig Sonnenlicht auf ihr Gesicht fällt, blendet es ihn beinah, wenn er zu lange hinsieht. Leise flüstert er: „Silberne Haut...“
Sie fährt herum, eine Hand an ihrer kunstvoll gearbeiteten Klinge. Dragon kennt diese Klinge, es ist Kalyas Schwert. Der Edelstein, welcher im Griff eingelassen ist, leuchtet einen Moment auf.
„Sir, seid ihr der Gildenmeister des Drachenbundes?“
Ihre Stimme klingt fast wie Kalyas, nur einige Nuancen samtiger. Er fühlt sich in alte Zeiten zurückversetzt, beinah, als wäre Kalya jetzt hier. Er sieht in ihre Augen, und er erschrickt. Es wird ihm bewusst, das er nicht sein treues Ratsmitglied vor sich hat, sondern eine andere Frau. Ihre Augen sind von tiefschwarzen Rändern umgeben, nur innen so strahlenblau, wie es Kalyas Augen waren. Ein Erbe dessen, der ihr Vater ist? Er vermutet es. „So ähnliche und doch so fremd..“ schießt es ihm durch den Kopf.
„Ja der bin ich. Mein Name ist Red Dragon.“ Bei sich denkt er: „Kalya wusste es, sie wusste das ich Drag Shadan heiße...“
Es stimmte ihn traurig, wieder an den Verlust der Kriegerin denken zu müssen. Sie war eine gute Botschafterin gewesen, un dein würdiges Gildenhaupt.
„Wie kann ich euch helfen? Ich hörte, ihr sagt, euer Name sei Tinúviel. Ist dies wahr?“
Sie sieht ihn aus diesen seltsamen Augen an, sie wirken so alles durchdringend wie die des großen Schattens und es lässt ihn schaudern. „Ja, es ist wahr, ich bin Tinúviel. Ich suche nach jenen, die meine Mutter kannten - oder jemanden, mit dem sie befreundet war, auf das ich ein wenig über meine Mutter erfahren kann.“
Red Dragon schweigt einige Minuten. Sie ist es wirklich. Sie ist die Tochter des Schattens. Was mag ihre Rückkehr bedeuten? Würde das Böse wieder stärker werden, durch SEINE Nachkommin?
Sie suchte jemanden, der Kalya nahegestanden hatte. Das erinnerte ihn an den zweiten Verlust. Claennis war eine seiner besten Kriegerinnen gewesen, eine Amazone, die ihr Schwert führen konnte wie keine andere. Und das zweite seiner damals so hochgeschätzten Ratsmitglieder, Leute, denen er wirklich vertraut hatte. Die, welche sich jetzt an seiner Seite wähnten, musste er ständig überwachen lassen. Er konnte sie vor seinem inneren Auge sehen, die Blutsschwestern, wie sie zusammen ausgezogen waren...um die damals schwangere Kalya in die Wälder der Silberwölfe zu bringen. Eine Reise, von der nur Claennis zurückkehrte. Viele Schwüre banden die Frauen aneinander, auch magische. Und einer dieser magischen Schwüre war es dann auch, der ihm Claennis ebenfalls nahm. Eines Tages kam Claennis nicht zurück, obwohl sie angekündigt hatte, zu einer Abstimmung wieder da zu sein. Man fand sie, nur einen Tagesritt von der Festung entfernt. Sie war erstarrt, wie aus Stein. Wenige Stunden später erreichte ihn die Nachricht, das Kalya bei der Geburt einer Tochter gestorben war. Genau zu dem Zeitpunkt, als Claennis „versteinert“ war. Man brachte sie fort, in ein kleines Wäldchen nahe der Blutebene. Auf einer Lichtung fand sie ihren letzten Ruheplatz. Ihr Schwert fand niemand.

Er zwingt sich wieder in die Gegenwart zurückzukehren. Soll er es ihr erzählen?
Ja, sie muss es wissen, waren doch ihre Mutter und Claennis so aneinander gebunden...
„Ich hörte von einer Claennis, sie soll meine Mutter gut gekannt haben...“ sagt die junge Elbin nun unerwarteterweise.
Wieder starrt Red Dragon die Frau vor sich sprachlos an.
Er sieht sie lange an, die Minuten verstreichen als wären es Stunden. Dann setzt er sich, bittet sie, Platz zu nehmen und erzählt die Geschichte der Blutsschwestern.

Die Wachen vor der Tür lassen niemanden hinein, während Red Dragon mit Tinúviel spricht. Es dauert viele Stunden ehe die Beiden wieder herauskommen.


„Habt Dank, edler Red Dragon. Ich werde auf jeden Fall das Grab jener Claennis besuchen.“ Ihre Stimme klingt mutlos. Ihre Gedanken wirbeln wild durcheinander.
Gesprächsfetzen belagern ihre Gedanken: ...sie wurden Blutsschwestern, zogen stets gemeinsam aus...Kalya wollte sich das Leben nehmen wegen der Ablehnung die unsere Verbündete ihr entgegenbrachten...ich hatte ihr das Amt nehmen müssen weil unsere Verbündeten es so wollten.....schliesslich gab ich ihr das Amt wieder, sie versah es stets gewissenvoll....
Die beiden Frauen haben sich verliebt, als Kalya am Ende war, nur noch ein Schatten ihrer Selbst...
Tinúviel merkt nicht, wie Dragon sie mitleidig ansieht.

Red Dragon sieht ihr nach, selbst als sie bereits mit hängenden Schultern die Treppe hinab verschwunden ist, starrt er noch auf die leere Stelle, an der die Tochter einer seiner besten Kriegerinnen eben noch gestanden hat.

Tinúviel gönnt sich keine Pause. Sie holt Moonlight und reitet auf die Tore zu. Sie muß wissen, wer die Frau war, die ihrer Mutter so nahegestanden hatte.
Die Wächter lassen sie sofort hindurch. Tinúviel reitet in die Nacht hinaus. Sie hat Glück, kein Untier erwischt sie, während sie den schmalen Wegen folgt, gerade so als wollten selbst die Monster der tapferen Kriegerin gedenken, welche Tinúviel nun sucht. Durch wabernde Sümpfe, deren Nebelschwaden ihr die Sicht nehmen und deren Gestank ihr die Sinne beinahe raubt, durch blühende Wiesen und düstere Wälder führt ihr Weg, ja sogar durch eine Gegend voller kargem Fels. Nach fünf Tagen findet sie früh in der Morgendämmerung die Lichtung. Doch noch betritt sie diese nicht. Sie wartet, bis die Sonne aufgeht. Sie hat Angst vor dem Moment, in dem sie die leblose Gestalt auf jener Lichtung sehen muß. Ein Lichtschein trifft die Statue, es wirkt alles wie im Märchen. Moose wachsen auf der Lichtung, Efeu rankt sich um die Statue. Tinúviel entdeckt ein Pergament, welches an der Statue hängt, es scheint als einziges nicht versteinert und doch schon viele Jahre den Gewalten der Natur ausgesetzt. Sie wagt nicht, es anzufassen, aus Angst, es könne zu Staub zerbrechen. Seltsamerweise scheinen die Buchstaben darauf so klar, wie damals, als man sie schrieb: „Wenn jemals ein edler Recke ein Elbenschwert findet und diese Lichtung, so gebt unserer Kriegerin ihr Schwert wieder, auf das sie es im Tode wiederhat.“

„Ein Schwert...?“ murmelt Tinúviel leise. „Kanne es sein..das dieses Schwert..?“
Sie nimmt die Klinge heraus, die sie gefunden hat. Lange betrachtet sie diese, dann streicht sie mit den Fingerspitzen über Claennis´s erstarrtes Gesicht. „Ihr sollt euer Schwert wiederhaben, tapfere Kriegerin. Falls es denn dieses ist.“
Unendlich vorsichtig schiebt Tinúviel den Schwertgriff in die steinerne Hand.
Ein Licht blitzt auf, qualvoll hell, Tinúviel springt zurück und fällt rückwärts zu Boden, ihre Arme sind schützend über die Augen gelegt.
Als sie wieder etwas sehen kann, ist die Steinstatue verschwunden. Tinúviel blickt auf Claennis, die bewußtlos am Boden liegt. Sie ist noch immer 21 Jahre alt, wie damals, als der magische Schwur seine Wirkung zeigte. Erstaunen zeichnet sich in dem Gesicht der Elbin ab, Angst vor diesem seltsamen Zauber. Was ist das für ein Spiel?

Claennis stöhnt leise auf, es ist ein schmerzvoller Ton und Tinúviel glaubt nicht, was sie sieht. Doch es ist wahr, die am Boden liegende Gestalt bewegt sich sacht und richtet sich langsam auf. „Wo bin ich? Was ist...?“
Blizschnell springt sie auf, das Schwert in der Hand und zielt auf Tinúviel. „Wer seid ihr, was wollt ihr?“
„He langsam, stolze Kriegerin!“ Tinúviel zieht ihr Schwert nicht und betrachtet die stolze Amazone, eine Halbelbin. Ein schmales Lächeln zeichnet sich auf ihren Lippen ab.
„Ich weiß selber nicht was hier los ist, ihr wart vor einer Minute noch eine Steinstatue und ich legte euch euer Schwert in die Hand!“

„Der magische Schwur..er hat also gewirkt...“
Claennis wirkt nun beinah fassungslos. „Also...also ist Kalya etwas zugestoßen? Wie lange war ich hier?“
Tinúviel zögert, Claennis springt auf sie zu und will sie packen doch Tinúviel weicht aus. Sie betrachtet die Amzone sehr aufmerksam. „Wie lange war ich hier???“ schreit Claennis, eine unbestimmte Panik steht in ihren Augen.
„Ihr wart 16 Jahre hier, edle Claennis.“
Die Amazone setzt sich. „Bei den Göttern...16 Jahre...
Und wer seid ihr, junges Ding?“
„Ich bin Tinúviel...“ mehr kann sie nicht sagen, da springt Claennis schon wieder auf. „Tinúviel?!?! Ihr seid Tinúviel? Mein Gott...ihr seid...“
„Ja, ich bin Kalyas Tochter.“ Tinúviel sieht sie ruhig an.
„Man sagte mir, meine Mutter ist gestorben, als sie mich zur Welt brachte.“ Ihr Blick wird traurig. Claennis steht nun vor ihr und sieht sie an. „Gibt es.. den Drachenbund noch?“
Tinúviel nickt. „Durch euren Gildenmeister erfuhr ich, wo man euch nach eurem „Tod“ hingebracht hatte. Euer Schwert fand ich durch Zufall.“
Claennis nickt. „So werde ich erst einmal dorthin zurückkehren.“
Tinúviel hält sie zurück, auch Claennis fällt diese schmerzhafte Ähnlichkeit auf, und das Erbe des großen Schattens.

„Die Reise dauert fünf Tage und ist nicht ungefährlich, ihr seid schwach, Claennis. Ich werde euch hinbringen, doch müßt ihr mit mir zusammen auf Moonlight reiten.“
„Das Reiten ist mir kein Problem, doch kann ich euch nicht entlohnen.“ Tinúviel lächelt. „Keine Sorge, das ist auch nicht von Nöten, ich möchte nur wissen, wer meine Mutter war.“
Tinúviels Gedanken wirbeln aufgeregt durcheinander, doch einen wirklich zusammenhängenden Gedanken kann sie nicht fassen.

Sie bringt Claennis zu Moonlight und ein schmerzliches Lächeln erhellt das Gesicht der Amazone. „Er sieht aus wie Gabriel, das Zweitpferd eurer Mutter.“
Claennis denkt traurig zurück, Erinnerungen füllen ihr Herz mit einem unerträglichen Schmerz.
Kalya wie sie das erstemal vor ihr steht, das Ritual der Blutsschwesternschaft...
Die Reisen die sie stets gemeinsam unternahmen, Kämpfe gegen fremdes Getier das sie beide angreifen wollte...ruhige Momente, wenn sie in der Burg der Drachen waren...der schmerzliche Moment, als das Schwert Savertins Kalya durchbohrte und ihrem Leben beinahe ein Ende setzte, die Zeit bis sie, zumindest weitestgehend genesen war.. nie mehr ganz erholt von der Schwere der Verletzung... Der Moment, als sie Kalya in der Taverne traf, nur noch ein Schatten ihrer selbst, blass und viel zu dünn. Wie sie mit Kalya fortgeritten war....und dann der Kuß, das Liebesgeständnis, die tiefen Gefühle... wie sie Kalya in den Wald gebracht hatte.. und allein zurückritt.
Tinúviels Worte reißen sie in die Gegenwart zurück.
„Er ist sein Ururenkel, MyLady.“ Wieder nickt Claennis, während die zierliche Tinúviel ihr auf Moonlights Rücken hilft und dann selbst hinter Claennis steigt, die Arme um sie legt und den Hengst mit einem leisen Wort antreibt. Genau wie ihre Mutter...
Dieser Gedanke geht Claennis unweigerlich durch den Kopf.
Sie reiten einige Stunden, dann ist Claennis zu schwach, um weiterzureiten. Es wird Zeit, eine Pause einzulegen. Tinúviel hilft der halb bewußtlosen Amazone vom Pferd und richtet ein Nachtlager. Sie selbst setzt sich ans Feuer, ihr Schwert neben sich, um Claennis zu bewachen. „Ihr müßt doch auch schlafen, Kind.“ Tinúviel lacht. „Ihr mögt viele Jahre vor mir geboren sein, doch seht euch an ihr seid immer noch 21 Jahre alt, und somit nicht viel älter als ich.“
Claennis nickt leicht und lächelt schwach. „Ruht euch aus, ich werde wachen, Claennis.“ Tinúviel schaut entschlossen und Claennis schließt beruhigt die Augen.
In Tinúviels Kopf drehen sich die Gedanken. Was ist das für ein seltsames Gefühl, das mich ergriffen hat, seit ich hier bin? Dieses Land macht mir Angst und doch fühle ich mich wohl...als hätte es nur auf mich gewartet...was gibt mir dieses Gefühl?

Ein Rudel Toocwölfe versucht in dieser Nacht, das Lager anzugreifen. Das Leittier, ein riesiger Wolf, griff Tinúviel an. Seine scharfen Zähne verfehlten knapp ihre Hand, dann hat sie bereits ihre Klinge in der Hand und versucht des Leittieres Herr zu werden. Ihre Rufe wecken Claennis, die daraufhin wie geheissen brennende Holzscheite um das Lager wirft, so das die restlichen Tiere sich nicht sofort nähern können. Mit einem zufällig seitwärts geführten Schlag erwischt Tinúviel das Leittier am Kopf, der Wolf fällt mit zertrümmertem Schädel zu Boden und in Tinúviel steigt irgendetwas hoch. Sie fängt düster an zu lachen, ein böses Lachen. Erschrocken sieht Claennis sie an. Die anderen Wölfe suchen ihr Heil in der Flucht. Claennis legt sich nachdenklich wieder schlafen.
Früh am nächsten Morgen weckt Tinúviel Claennis. „Wir müßen weiter, Claennis.“ Sie hievt die verschlafene Amazone auf Moonlight, verwischt die Spuren und steigt dann selbst auf. Die beiden Frauen reiten weiter. So geht es drei weitere Tage, doch Claennis wird zusehends wieder kräftiger. Immer wieder macht Tinúviel Halt, geht auf Jagd und bringt das Wild herbei, gibt Claennis die besten Stücke damit sie wieder zu Kräften kommt. Tinúviel selbst ist nur das nötigste. Tinúviel merkt, das sie sich wohl fühlt, zu wohl, wenn die Amazone vor ihr sitzt, und es macht ihr Angst. Sie beschließt für Claennis ein Pferd zu kaufen.

In einem kleinen Dorf namens Frilow machen die Beiden halt. „Bleibt hier, Claennis, ich bin gleich zurück. Passt bitte auf Moonlight auf.“
Mit einem raschen Rundumblick erfasst Tinúviel die ärmlichen Hütten am Ortsrand, die nur mit Stroh gedeckte Dächer haben, dann die etwas nobleren Häuser im inneren Teil des Dorfes, die jedoch auch nicht aus viel mehr als etwas Lehm bestehen, die windschiefe Taverne und die Holzhütte, die dem ortsansässigen Händler gehört, der so ziemlich alles zu verkaufen scheint, was es zu verkaufen gibt.
Dort geht sie hin. Sie ersteht die hellgraue Stute Baby und kehrt rasch wieder zu Claennis zurück. Etwas schroff drückt sie ihr Babys Zügel in die Hand. „Das ist Baby, ich denke, wir werden so schneller vorankommen.“
Claennis ist innerlich erstaunt, jedoch zeigt sie keine Regung.
Die Frauen reiten weiter. Irgendwann erreichen sie eine Lichtung, Baumstämme sind um eine Stelle gerichtet, die offenbar als Feuerstelle dient. Fußspuren zeugen von der alltäglichen Aktivität dieser offenbar als Treffpunkt dienenden Lichtung. Claennis zügelt ihr Pferd, eine innere Aufregung hat sie ergriffen die sich auch in ihren Augen spiegelt. „Unsere Lichtung...hier trafen wir uns immer, alle...“

Aus dem Waldstück gegenüber tritt plötzlich ein Mann. Er bleibt stehen und mustert die beiden Frauen, zuerst Claennis. Er wird blass. Dann kommt sein Blick auf Tinúviel zum Stehen. Der Mann sinkt auf die Knie und fängt bitterlich an zu Weinen. Claennis ist derweil vom Pferd gesprungen und auf den Mann zugeeilt. Er wirkt schon wesentlich älter, als Claennis, immerhin sind 16 Jahre vergangen. Und doch erkennt Claennis ihn wieder, selbst wenn sie traurig darüber ist, wie gealtert er aussieht. Sie legt eine Hand auf seinen Arm und flüstert: „Thoriar...“
Tinúviel bleibt im Halbschatten stehen, sie hat Angst, instinktiv weiß sie, das sie diesem Mann genommen hat, was sein Liebstes war.
Tinúviel spürt Angst in sich, ihr ist, als spüre sie seinen Schmerz. Sie fragt sich, woher er weiß wer sie ist, ihr ist nicht bewußt, wie ähnlich sie ihrer Mutter ist.
Claennis packt Thoriar sanft am Arm. „Thoriar, bitte. Zügelt euch, sie hat mir mein Leben wiedergegeben, wenn sie auch nicht wußte wie. Auch mich schmerzt der Verlust und die ersten Tage wünschte ich, ich wäre noch aus Stein. Ich muß ständig an Kalya denken. Und doch...hier ist ein Teil von ihr.“
Thoriar betrachtet die Frau, die im Halbschatten neben dem weißen Hengst steht. „Sie mag ein Teil sein, aber sie ist ein Kind des Bösen. Ich kann sie nicht akzeptieren, nicht hier und nicht heute, vielleicht hat sie solch grausame Dinge vor, wie ihr Vater.“ Hätte Thoriar gewußt, wie recht er hat mit seinen Worten, er hätte Tinúviel wohl sogleich ein Ende gemacht.
Thoriar sieht Claennis an. „Auf bald, Claennis. Ich muß nachdenken.“ Er verschwindet im Wald.

Zurück bleiben zwei traurige Frauen, Tin´uviel weil sie den mann irgendwie verstehen kann, Claennis, weil Thoriar immer noch nicht über den Schmerz hinweg ist. Tinúviel spürt jedoch auch eine nie gekannte Wut auf diesen fremden Mann in sich. Lange bleibt keine Zeit dafür, denn sie müßen weiter nach Tilar. Claennis sieht während des Ritts oft zu Tinúviel, irgendwie erinnert sie dieser Ritt unheimlich an Kalya. Die blauen Augen der Blutsschwester geistern ihr durch den Kopf und doch – diese hier, sie ist anders. So fremd und doch so anziehend. Claennis schüttelt den Kopf. „Was habe ich hier für Gedanken, das ist seltsam...“

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